„Ich hab’ mindestens 15 Jahre oder vielleicht noch länger immer noch geträumt von der Flucht, von der Vertreibung. Und auch nachts als [=manchmal] aufgewacht und schweißnaß geschwitzt, und, und, und na hab’ ich halt so überlegt: Wo bin ich jetzt? … Wissen Sie, diese Sachen, des sitzt alles im Unterbewußtsein, diese Angst und der Schrecken, was man da alles durchlebt hat. Das sitzt ganz tief und kommt des nachts.” Was sie in den Jahren 1944 bis 1946 erlebt hat, läßt Frau P. bis heute nicht los. Vielen anderen der über zwölf Millionen deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen gleich, hatten der Verlust der Heimat am Ende des Zweiten Weltkrieges und die Umstände, unter denen er erfolgte, für sie eine traumatische Wirkung. Die erzwungene Trennung von der vertrauten Umgebung, in der die Vorfahren seit mehreren hundert Jahren lebten, die erfahrene Demütigung und Gewalt, die durchgestanden Todesängste und das Allein-gelassen-sein mit den bis heute schmerzenden Bildern verbindet die Vertriebenenbiographien. Sie verschmelzen gleichsam im Begriffspaar “Flucht und Vertreibung”. Dadurch wird die Individualität der Millionen von Lebensgeschichten eingeebnet. Unterschiedliche Prägungen, Herkunftsorte, und -regionen, damit verbundene spezifische Ursachen und Formen des Verlassens der Heimat sowie die unterschiedlichen Zielgebiete der Entwurzelten “verschwinden” im anonymen Prozeß von Flucht und Vertreibung. Es entsteht so das zwar das zutreffende Bild eines gewaltigen, aber auch der falsche Eindruck eines im wesentlichen gleichförmigen Ereignisses: “Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten”. Frau P. gehört zur Gruppe der von der “großen Flucht” betroffenen Deutschen. Sie war aber nicht wie etwa zwei Drittel der in den vier Besatzungszonen und den beiden deutschen Staaten aufgenommenen Flüchtlinge und Vertriebenen “Reichsdeutsche”, besaß 1944 also nicht die Reichsbürgerschaft. Noch in der K. und K. Monarchie geboren, war sie in Srpski Militic in der Batschka aufgewachsen, die als Ergebnis des Ersten Weltkriegs an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen fiel. Wie die überwiegende Mehrheit der einen schwäbischen Dialekt sprechenden etwa 3600 Einwohner der Gemeinde war sie jugoslawische Staatsbürgerin und gehörte einer der zahlreichen deutschen Minderheiten in Südosteuropa an. Zunächst wurden die “Volksdeutschen” – “nichtreichsdeutsche Deutsche im Ausland” – von der Weimarer Republik unterstützt. Dann gerieten sie in den Sog des seine Fangarme auch auf Südosteuropa ausstreckenden nationalsozialistischen Deutschlands. Eingespannt in dessen menschenverachtende, rassisch motivierte Eroberungs- und Vernichtungspolitik teilten sie mit ihm die totale Niederlage und deren Folgen. Diese unterscheiden sich von den Vertreibungsprozessen aus den Ostgebieten des Reiches und aus der Tschechoslowakei. Aber auch innerhalb der einzelnen Staaten Südosteuropas gab es große Unterschiede…
Dr. Mathias Beer




