EIN KLEIDUNGSSTÜCK, mit dem der Mensch den ganzen Tag hautnahen Kontakt hat, bekommt einen neuen technologischen Kick – und schützt von da an die Gesundheit: Das ist der Stoff, aus dem Sensationen gestrickt sind. Kein Wunder, dass die Deutsche Presseagentur (dpa) im August 2000 aus der täglichen Flut industrieller Produktmeldungen gerade diese herausfischte. Darin kündigte der japanische Unterwäsche-Hersteller Gunze an, ein T-Shirt anzubieten, das durch eingenähte Silberfäden 92 Prozent aller auftreffenden Handy-Funkwellen abhält. Der Preis: stolze 25 000 Yen, das waren damals etwa 500 Mark.
Das Shirt war insbesondere für Menschen mit Herzschrittmachern gedacht, um Funktionsstörungen zu verhindern. Solche Störungen sind nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz in Salzgitter nicht auszuschließen, wenn das eingeschaltete Handy dem Herzschrittmacher näher als 20 Zentimeter kommt. Einige deutsche Zeitungen übernahmen damals die dpa-Meldung. Nach Markteinführung des Shirts berichtete auch bild der wissenschaft darüber („ Rüstung gegen Handys”, Heft 2/2001). Doch noch 2001 verschwand das Textil wieder vom Markt. Nach Gründen für den Produktionsstopp gefragt, gibt sich das Unternehmen Gunze zugeknöpft. Weil das Programm schon vor so langer Zeit eingestellt wurde, seien beim zuständigen Geschäftsbereich keine Informationen mehr greifbar, mauert Firmenrepräsentant Yoshiyuki Hirano.
Knapp drei Jahre später stellte eine Firma in Sachsen eine Kollektion von Slips, Unterhemden und Nachtwäsche vor, in die silberbeschichtete Garne eingewebt waren. Die Wäsche sollte Menschen helfen, die empfindlich auf Elektrosmog reagieren. Doch die sächsischen Silberslips wurden kein Hit und konnten ihren Anbieter, die Teha Textil, 2009 nicht vor der Insolvenz bewahren. Inzwischen wird die Kollektion wieder hergestellt und unter dem neuen Markennamen Silver-Skin angeboten. 75 Euro kostet beispielsweise ein Herrenshirt. Beworben wird die Silberwäsche jetzt mit antibakteriellen, pilztötenden und antiallergenen Eigenschaften, plus Eignung für Menschen mit Neurodermitis.
2008 versandte das Unternehmen ISA Sallmann in Amriswil zu Testzwecken gratis Männerunterhosen, die dank Silberfasern die Fortpflanzungsorgane und Spermien vor Mobilfunkstrahlen schützen sollten. Sonja Dörig, Sprecherin des schweizerischen Wäscheproduzenten, bezeugt großes Interesse und viele Rückmeldungen der Träger. Doch die Wunderhosen überlebten die Testphase nicht: „Wir haben nach wenigen Monaten entschieden, das Projekt erst einmal nicht weiter zu verfolgen, weil sich mit dem verwendeten Stoff keine 100-prozentige Abschirmung erreichen ließ” , sagt Dörig.
Nicht nur silber-veredelte Unterhosen tun sich offenbar schwer im Markt. „Auch Herrenhemden und Sakkos, bei denen die Brusttaschen aus abschirmendem Gewebe bestehen, konnten sich bislang nicht dauerhaft durchsetzen”, weiß Jan Beringer. Er ist Experte für funktionelle Textilien an den Hohenstein Instituten in Bönnigheim. Das Problem aus seiner Sicht: Relativ hohen Produktionskosten für das Gewebe stehen nur kleine Absatzmengen gegenüber, sodass sich das Geschäft nicht lohnt.
Doch auch die Bönnigheimer lassen sich’s nicht verdrießen und beschreiten eigene Wege zu strahlungssicherer Kleidung: Beringers Team hat gerade eine Beschichtung für Textilien entwickelt, die sowohl vor elektromagnetischer Strahlung als auch vor infraroter Wärmestrahlung schützen soll. Beringer räumt diesen Stoffen beste Chancen ein: „Sie könnten dort zum Einsatz kommen, wo Sicherheitsaspekte wichtiger sind als Kosten – etwa bei der Ausrüstung von Feuerwehrleuten und Soldaten.” Frank Frick ■





