Noch bis Mitte des 9. Jahrhunderts bestand im Nordseegebiet ein homogener Wirtschaftsraum mit wohlorganisierten Fernhandelsbeziehungen zwischen den Seehandelsplätzen des Rheindeltas und Englands. Unter karolingischen wiks (Handelsplätzen) wie Dorestad und Domburg in den heutigen Niederlanden oder Quentowic an der französischen Küste sowie den angelsächsischen Handelszentren Hamwic (Southampton), Lundenwic (London), Gippeswic (Ipswich) und Eorforwic (York) fand ein reger Warenaustausch statt. Die Karolinger waren keine großen Seefahrer: Unter den archäologischen Zeugnissen des karolingischen Bootsbaus fanden sich bisher keine Überreste hochseetüchtiger Schiffe. Die eigent-lichen Betreiber des Nordsee-handels waren kulturell und wirtschaftlich im friesischen Raum verankert.
Die Friesen traten bereits in der Merowingerzeit von der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts an als Seehändler in Erscheinung und entwickelten sich von einfachen Bauernkaufleuten zu professionellen Händlern. Zu den materiellen, archäologisch fassbaren Zeugnissen des Handels zwischen Rheindelta, rheinischem Hinterland und Englands Ostküste zählen Schwerter, feine Gläser mit Filigran- oder Netzdekor, Basaltlava aus der Eifel für die Fertigung von Mühlsteinen sowie die charakteristische Keramik der Reliefbandamphoren oder mit Zinnfolienauflagen verzierte Tatinger Kannen. Auch die Verbreitung der Sceattas, kleiner silberner Münzen, beiderseits des Ärmelkanals bezeugt den intensiven Handel.
Doch während der Handel im Nordseegebiet florierte, war der Ostseeraum zunächst weitgehend isoliert. Die ursprünglichen Fernhandelsverbindungen zwischen dem Ostseeraum und dem Mittelmeergebiet bzw. dem Donauraum waren mit der Ethnogenese der slawischen Stämme zwischen südlicher Ostsee und Donau sowie der Verankerung der reiternomadischen Awaren an der mittleren Donau Mitte des 6. Jahrhunderts abgerissen.
Das in Südjütland gelegene Ribe befindet sich rund sechs Kilometer von der Nordseeküste entfernt am Ufer der Ribe Å (Å = dänisch Au, Bach). Hier stieß man bei Ausgrabungen auf Teile eines Marktgeländes, dessen Anfänge zwischen 704 und 710 datiert werden. Das Fehlen von ganzjährig bewohnten Häusern deutet dar-auf hin, dass das Marktgelände über 150 Jahre lang nur saisonal im Sommerhalbjahr genutzt wurde. Erst von 770/780 an ist eine veränderte Parzellennutzung mit einer festen Hausbebauung in Form von Pfostenbauten festzustellen. Im frühen 9. Jahrhundert wurde Ribe von einem flachen Stadtgraben umgeben, dessen geringe Ausmaße nicht für eine fortifikatorische Anlage, sondern eher für eine symbolische Begrenzung sprechen. Diese markierte einen gesonderten Rechtsraum, in dem der König – vermutlich gegen Handelszölle – den Marktfrieden und den Schutz der Händler garantierte.




