St. Pierre auf Martinique, einer Insel der Kleinen Antillen, wurde am 8. Mai 1902 mit einem Schlag berühmt, als der Pelée den Ort bei einem Ausbruch völlig zerstörte. Er wurde zur Geisterstadt – bis heute hat er seine alte Größe nicht wieder erreicht. Von rund 30 000 Einwohnern überlebten nur 2. Eine Glutlawine war vom Krater herabgerast und hatte ihre Opfer überrumpelt. Auch die Vulkanologen waren überrascht. Bisher hatten sie für ein solches Phänomen nicht einmal einen Namen.
Vor dem Ausbruch galt St. Pierre als das „Paris der Westindischen Inseln”: ein quirliger, aufstrebender Ort mit Theater, Banken, Warenhäusern, Fabriken, Kathedrale und Schulen – der Mittelpunkt von Handel, Bildung und Kultur auf Martinique. Die Häuser, wegen der Hitze aus dicken Steinmauern errichtet, standen bis zum Strand, dahinter ragte der Pelée rund 1400 Meter auf. Seit Jahrhunderten gaben weiße Siedler französischer Abstammung auf der Insel den Ton an. Doch 1899 rüttelte eine neue sozialistische Partei, die für die farbige Mehrheit eintrat, am politischen Gefüge. 1902 standen Wahlen an, und bei einer Vorwahl am 27. April zeichnete sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Sozialisten und Konservativen ab. Die Entscheidung sollte am 11. Mai fallen. Doch dazu kam es nicht mehr, denn drei Tage zuvor brach die Katastrophe über St. Pierre herein.
Ohne die Wahl wäre vielleicht das Schlimmste verhindert worden. Denn Martiniques Gouverneur Louis Mouttet wollte den Urnengang nicht gefährden und ließ deshalb die Stadt nicht räumen. Er wollte seine Wähler nicht verlieren, von denen viele in St. Pierre wohnten. Ausgerechnet die Hafenstadt war eine Hochburg der Konservativen.
Es gab allerdings genug Vorzeichen, die eine Evakuierung gerechtfertigt hätten. Schon im Februar wehte ein schwacher Schwefelgeruch durch die Gassen. Am 23. April schüttelte ein Erdbeben das Geschirr aus den Regalen, und ein leichter Ascheregen ging nieder. In den folgenden Tagen rieselte immer mehr Asche herab, sodass Bäume unter der Last umstürzten. Der Berg dröhnte, donnerte und bebte immer bedrohlicher, in einem alten Krater bildete sich ein See aus kochend heißem Wasser. Anfang Mai mussten sich die Arbeiter einer Rumfabrik mit einer Invasion von Ameisen und 30 Zentimeter langen Tausendfüßlern herumplagen, die aus der Höhe geflohen waren. Heerscharen von Schlangen fielen in ein Viertel von St. Pierre ein, darunter extrem giftige Lanzenottern, und töteten etliche Menschen.
Drei Tage vor der Katastrophe, am 5. Mai, brach der Damm des gerade entstandenen Kratersees. Heißes Wasser schoss als haushohe Flutwelle durch ein Tal und riss alles mit, was ihm in den Weg kam. Vielleicht wären viele Bewohner von St. Pierre geflohen, wenn sie gewusst hätten, was auf der Insel St. Vincent passierte, nur 145 Kilometer entfernt. Dort brach am 6. Mai der Vulkan Soufrière aus und tötete fast 2000 Menschen. Doch Erdbeben und Hangrutsche hatten das Telegrafenkabel, die einzige Verbindung von Martinique zur Außenwelt, gekappt. Die Asche lastete bedrohlich auf den Dächern und verstopfte die Kanalisation, sodass Krankheiten ausbrachen. Das Atmen fiel schwer, Pferde sackten röchelnd zusammen. Plünderer zogen durch die Straßen, die Stadt versank im Chaos – und der Pelée untermalte die apokalyptische Stimmung mit lautem Donner.
Am Morgen des 8. Mai explodierte der Berg schließlich und schickte eine Glutlawine los, die mit rund 500 Kilometern pro Stunde den Hang hinunterjagte. Wenig später erreichte sie das sechs Kilometer entfernte St. Pierre – nur zwei Menschen blieben am Leben, wenn auch schwer verbrannt: ein Gefangener, den dicke Kerkermauern gerettet hatten, und ein Schuster, dessen Haus abseits stand. Der Gefangene trat später im Zirkus auf und verdiente sich seinen Lebensunterhalt, indem er seine Geschichte erzählte. Von der Stadt zischte die Wolke weiter aufs offene Meer hinaus, wo mehr als ein Dutzend Handelsschiffe ankerten. Sie war noch immer tödlich heiß, sodass die meisten Matrosen starben, obwohl ihre Schiffe Hunderte Meter weit vor der Küste lagen.
Die Wissenschaftler, die bald anreisten, standen vor einem Rätsel. Ein Vulkan, dachten sie, schleudert Asche und Magma hoch hinauf, aber nicht den Hang hinab. Der Franzose Alfred Lacroix fand schließlich eine Erklärung und gab der seltsamen Wolke einen Namen: „Nuée ardente”, glühende Lawine. Heute sprechen die Geologen meist von pyroklastischen Strömen. Diese gefährlichsten Begleiter eines Ausbruchs sind längst nicht so selten, wie man damals dachte. Sie bestehen aus einem Gemisch von heißem Gas, Asche und Gesteinsbrocken jeder Größe, die durch die Hitze in der Schwebe gehalten werden. Die Trümmer schlagen auf ihrem Weg immer wieder gegeneinander und am Boden auf, wodurch sie zerbrechen. Gas und Hitze aus dem Gestein, die dabei frei werden, fachen den Höllenritt weiter an.
Als der pyroklastische Strom St. Pierre erreichte, hatten sich die groben Trümmer bereits abgesetzt. Doch der Lawine war eine Druckwelle vorausgeeilt, die aus heißem Gas und feiner Asche bestand. Einmal in Schwung, jagte sie immer geradeaus und überwand sogar Hügel. Mit ihrer ungeheuren Wucht warf sie selbst dicke Mauern um. In St. Pierre hatte sie nach Schätzungen von Wissenschaftlern noch eine Temperatur von 200 bis 250 Grad Celsius. Ein paar Atemzüge brachten den Menschen den Tod.
Wie war es zu dem pyroklastischen Strom gekommen? Der Pelée gehört zu den explosiven Vulkanen. Er fördert ein zähes Magma, das immer wieder den Schlot verstopft. Der Druck aus dem Erdinneren schob diesen „Korken” 1902 langsam nach oben, ohne ihn abzusprengen. Schließlich erhob sich aus dem Krater ein mehrere Hundert Meter hoher, glühend heißer Dom, größer als die Cheops-Pyramide. Als der Druck weiter zunahm, öffnete sich seitlich unter dem Pfropfen ein Ventil. So bekam der Ausbruch eine vertikale Komponente. Obendrein brach der Dom in sich zusammen, und die Bruchstücke donnerten, der Schwerkraft folgend, den Hang hinunter.
Die Obrigkeit lernte nichts aus der Katastrophe. Als drei Monate später der Vulkan erneut rumorte, weigerte sich der neue Gouverneur, Flüchtlinge aus Morne Rouge aufzunehmen, einem kleinen Ort auf der anderen Seite des Vulkans. Den verängstigten Menschen blieb nichts anderes übrig als zurück zu marschieren. Am 30. August starben sie, als ihr Heimatort von einer neuen Glutlawine verwüstet wurde: weitere 2000 Tote. ■
Ohne Titel
Land: Martinique (Frankreich)
Höhe: 1397 m
Ausbruch: 8. Mai 1902
Tote: 30 000
Auswurf: 1 km3
Besonderheiten: Pyroklastischer Ausbruch – Ströme aus einem mehrere Hundert Grad heißen Gemisch von Gas, Asche und Gestein; die Stadt St. Pierre wurde komplett vernichtet.





