Er gilt nicht nur als der bedeutendste venezianische Künstler seiner Zeit, sondern als einer der wichtigsten Renaissancemaler überhaupt: Tiziano Vecellio, genannt Tizian (um 1490–1576). Zunächst blieb die rasche Karriere des in Pieve di Cadore Geborenen eng auf Venedig bezogen. Mit seinen Porträts für die Herzöge von Ferrara, Mantua und Urbino (hier entstand auch die berühmte „Venus von Urbino“) erweiterte Tizian seinen Wirkungskreis.
Dann avancierte er zum Lieblingsmaler Karls V. Die ikonischen Gemälde, die ihn mit Ulmer Dogge, in der Schlacht bei Mühlberg und als Alternder im Lehnsessel zeigen, prägen unser Bild des Kaisers bis heute. Doch vereinnahmen ließ sich Tizian von dem Habsburger nicht; er porträtierte auch den Widersacher Franz I. von Frankreich. 1547 führte der Weg des Malers an den Hof Papst Pauls III. nach Rom. Trotz aller Ehrungen aber erfüllte der Romaufenthalt Tizians Erwartungen nicht, enttäuscht kehrte er nach Venedig zurück.
Die Historikerin und Reiseführerin Susanne Hohwieler hat eine neue Biographie Tizians vorgelegt, die den Werdegang des Ausnahmekünstlers sowie seine Hauptwerke vorstellt und in den historischen Kontext einbettet. Hohwieler entwickelt „Szenenbilder“ der beiden wichtigsten Wirkungsstätten Venedig und Rom; man liest von den Auftraggebern des Malers oder vom überbordenden Nepotismus der Päpste.
Leider zitiert Hohwieler nicht aus den zahlreichen Briefen Tizians und vergibt so die Chance, seine Persönlichkeit plastisch werden zu lassen. Die Autorin betont die politische Dimension der Malerei Tizians: Sie diente den Herrschenden als Propagandainstrument, war aber auch wichtiges „Exportgut“ Venedigs. Tizian deswegen als „Diplomaten“ zu bezeichnen, erscheint aber doch überzogen.
Was machte den überwältigenden Erfolg Tizians aus? Er erfüllte die Erwartungen der Auftraggeber, denn in seinen Gemälden paart sich hohes malerisches Können mit einer seltenen Empathie, die die Porträts zu Charakterstudien werden lassen. Dazu kommt Tizians unvergleichliche Behandlung der Farbe. Er gilt als Meister des Kolorismus; es lohnt sich, Hohwielers kenntnisreiche Ausführungen dazu zu lesen.
Unverkennbar sind jedoch auch die Mängel des Buchs: Es fehlen Anmerkungen, die den Bezug zwischen Text und Literaturhinweisen im Anhang herstellen könnten. Der Druck der Schwarz-Weiß-Bilder ist so schlecht, dass diese nur schemenhaft zu erkennen sind; immerhin gibt es einige Farbabbildungen. Am schwersten aber wiegt das fehlende Lektorat: Der Text wimmelt von Redundanzen, ungeschickten Formulierungen, falsch verwendeten Begriffen und anderen Fehlern. Dazu wird dem Leser ein inflationärer Gebrauch von Superlativen zugemutet, und die ständigen formelhaften Lobpreisungen des Malers machen es auch nicht besser. Ein wahres Ärgernis.
Rezension: Dr. Heike Talkenberger
Susanne Hohwieler
Maler der Macht
Tizian und die Hochrenaissance.Eine politische Biographie
Verlag wbg Theiss, Freiburg im Breisgau 2025, 364 Seiten, € 30,–




