Sigmund Freud war anfangs begeistert von ihr, lehnte sie dann aber ab. Mit Hypnose, so sein Urteil, ließen sich die Ursachen psychischer Erkankungen nicht bekämpfen. Es werde lediglich an den Symptomen kuriert. Die Patienten würden durch Hypnose in eine passive Haltung versetzt. Das widersprach seiner Grundidee, traumatische Geschehnisse aus der Vergangenheit aktiv aufzuarbeiten. “Freuds Irrtum wirkt leider bis heute nach”, meint Dr. Hans-Christian Kossak, Leiter der katholischen Beratungsstelle für Erziehungs- und Familienfragen in Bochum, und einer der Pioniere, die Hypnose hierzulande seit einigen Jahren wiederentdecken. In Ländern wie den USA ist Hypnose dagegen längst eine anerkannte Technik der Psychotherapie.
Freuds Fehlurteil verwundert nicht. Er hatte 1885 die damalige Hypnosetechnik beim großen Nervenarzt Jean-Martin Charcot am Pariser Krankenhaus Salpêtrière gelernt. Die Hypnose, die er und viele seiner Kollegen damals anwandten, zielte tatsächlich nur auf die Bekämpfung von Symptomen. Er konnte zwar manche seiner Patientinnen von hysterischen Lähmungen befreien – aber nur vorübergehend. Zudem hatte die Technik entsprechend dem Zeitgeist sehr autoritäre Züge. Bei der sogenannten Faszinationsmethode saß man sich eng gegenüber, der Therapeut klemmte die Beine des Patienten zwischen seine eigenen und forderte diesen auf, ihm tief in die Augen zu blicken. Fiel der Patient dann in Trance, wurde meist mit Gebots- oder Verbots-Suggestionen versucht, sein Leiden zu verringern. Bei einem gelähmten Arm gab der Therapeut etwa Anweisungen wie: “Hebe deinen Arm, dein Arm ist ganz leicht und wieder gesund….” Kossak: “Diese Therapie war für den Patienten wirklich rein passiv, und auch der Mindestabstand zwischen Patient und Therapeut wurde klar unterschritten. Es ist kein Wunder, daß dies einem eher schüchternen Menschen wie Freud unangenehm war.”
Moderne Hypnose hat mit so etwas nicht mehr viel zu tun. Patient und Therapeut benutzen Hypnose heute als eine Plattform, von der aus sich die Ursachen vieler seelischer Probleme leichter erkennen und bearbeiten lassen als mit anderen Verfahren der Psychotherapie. Entscheidend ist weniger die Hypnose, sondern das, was unter ihr entdeckt oder aufgearbeitet werden kann. Der Therapeut ist dabei auf die aktive Mitarbeit des Patienten angewiesen.
Vor allem bei Angststörungen und psychosomatischen Krankheiten, die sich als Asthma, Reizdarm oder Ekzem äußern, kann Hypnose helfen. Der Therapeut erhält von seinem hypnotisierten Patienten Hinweise aus dessen Vorgeschichte, an die er sonst nur schwer herankäme. Bei einem depressiven Menschen lassen sich durch positive Suggestionen gezielt jene Elemente im Denken fördern, die ihm das Leben sinnvoll erscheinen lassen. Unter Hypnose können auch ganz praktisch Handlungen geübt werden, die ein Mensch mit Angststörungen sonst kaum ertragen würde.
Was Hypnose ist und was bei ihr genau vorgeht, darüber sind sich die Wissenschaftler noch nicht einig. Zwei große Schulen stehen sich gegenüber. Die eine behauptet, Hypnose sei ein eigener geistiger Zustand.
Das andere Extrem vertreten jene, die sie lediglich für eine Art intensives Rollenspiel zwischen Patient und Therapeut halten. Entscheidend ist, daß ein Mensch unter Hypnose in seiner Vorstellung Szenen, die ihm der Therapeut vorschlägt oder an die er sich erinnert, emotional ähnlich intensiv erleben kann, wie wenn sie wirklich geschehen würden.
“In der Vorstellung baut sich eine alternative Wirklichkeit auf”, formuliert Dr. Burkhard Peter, Hypnotherapeut in München. Ereignisse aus seinem Leben können für den Patienten so deutlich werden, daß er sie noch einmal durchlebt – mit allen Emotionen, mit Lachen, Weinen, Freude und Traurigkeit. “Die Patienten sagen nach solchen Therapiestunden: ,Ich war mitten in der Szene, es ist mir passiertO “, berichtet Peter. In dieser Phase, im “kognitiven Labor”, könnten reale oder eingebildete Erlebnisse und Gefühle unter Anleitung des Therapeuten nachträglich verändert werden.
Zu Hans-Christian Kossak kommt eine Frau in die Sprechstunde, 49 Jahre, Mutter von sechs Kindern, die unter einer starken Sozialangst leidet, sich nicht mehr unter Leute wagt, kaum das Haus verläßt. Sie hat seit ihrer Kindheit große Minderwertigkeitsgefühle, außerdem starkes Übergewicht. Bisherige Therapien waren erfolglos. Kossak sammelt zunächst Daten zur Vorgeschichte der Patientin, fragt nach Gründen ihrer Angst, nach Befürchtungen, die sie für die Zukunft hat. “Es wurde bald klar, daß wir nach den Ursachen ihrer Ängste in ihrer Kindheit forschen mußten”, erzählt er.
Die Patientin – sehr religiös und immer noch abhängig vom Urteil ihrer längst gestorbenen Mutter – hatte geschildert, daß sie sich im Alter von etwa sieben Jahren zu Unrecht bei einer Nachbarin entschuldigen mußte, weil ihre Mutter sie dazu gezwungen hatte. Eines Tages beobachtete das Kind die Frau, die behindert war, beim Eierstehlen. Empört – “die hörte nicht auf, auch als ich sie mehrmals dazu aufforderte” – habe sie dann laut gerufen: “Hüte dich vor denen, die Gott gezeichnet hat!” Die Diebin beschwerte sich bei der Mutter, und die verlangte von ihrer Tochter, daß sie sich entschuldige. Sie mußte sich, widerstrebend, fügen. Danach habe sie sich deprimiert und minderwertig gefühlt. “Es kam nun darauf an”, sagt Kossak, “eine Lösung zu suchen, die der einfach strukturierten Moral der Patientin entsprach und sie nicht nachträglich in innere Konflikte zu ihrer Mutter stürzte.”
Der Therapeut beginnt eine sogenannte Altersregression. Er bittet die Patientin, sich in Hypnose noch einmal in jene Lebenssituation von damals zu versetzen. Dann regt er sie an, jene Begebenheit neu zu konstruieren. Er fordert sie auf, diesmal ihre Mutter davon zu überzeugen, daß sie sich nicht entschuldigen will.
Auszug aus dem Protokoll: Therapeut: “Kann deine Mutter das so hinnehmen? Was sagt sie oder tut sie?” Patientin: “Sie schaut mich freundlich an und nickt.” Therapeut: “Dann geh jetzt zur Nachbarin und erklär ihr, daß du dich zwar für deine Frechheit entschuldigst, aber in der Sache recht hattest.”
Das tut sie, geistig, und “noch am gleichen Tag hat die Patientin wieder Kontakt mit anderen Leuten aufgenommen.” Bei einer Nachbefragung fünf Jahre später fand Kossak, daß ihre Sozialangst für die Frau wirklich Vergangenheit war.
Der erste, der in Hypnose Szenen rekonstruieren ließ, war 1889 der französische Psychologe Pierre Janet. Er arbeitete damals mit der 19jährigen Marie. Jedesmal, wenn sie ihre Menstruation bekam, wurde sie gewalttätig und hatte Krampfanfälle. Alle Therapieversuche waren bis dahin gescheitert. Unter Hypnose fand sie zurück zu dem Zeitpunkt ihrer ersten Menstruation mit 13 Jahren. Die Frau aus einfachen Verhältnissen erzählte, wie sie sich tagelang panisch in kaltes Wasser hockte, um die Blutung zu stillen, deren Ursache sie nicht kannte. Sie bekam Fieber, ihre nächste Menstruation stellte sich erst im Alter von 18 Jahren ein. Janet suggerierte der Patientin in Hypnose, daß ihre erste Blutung störungsfrei verlaufen war. Durch diese “Neukonstruktion” löste er zusammen mit ihr das Problem.
1925 prägte Janet dazu den Begriff der “Dissoziation”. Bewußte und unbewußte Teile unseres Selbst sollen unabhängig voneinander agieren und in Hypnose voneinander getrennt, aber auch wieder zusammengefügt werden. Menschen, die schreckliche Situationen erleben – eine Vergewaltigung, einen Unfall, den Tod eines geliebten Menschen -, schützen sich oft, indem sie innerlich davon zurücktreten. Sie dissoziieren den Affekt, weil sie ihn nicht bewältigen können. Die Folge ist oft eine Psychose. In Hypnose wird dann versucht, den verdrängten Affekt dem Erlebnis wieder hinzuzufügen. Prof. Dirk Revenstorf vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen hat es oft erlebt: “Wenn das gelingt, weinen die Betroffenen oft zum ersten Mal wieder. Das Nacherleben macht das Trauma zwar immer noch nicht ungeschehen, aber es kann emotional bewältigt werden.”
Da greift ein Therapeut auch schon mal zu drastischen Mitteln. Revenstorf erzählt von einem Patienten, der jahrzehntelang darunter litt, daß er als Junge von seinem Vater vor den Augen der ganzen Familie regelmäßig für schlechte Schulnoten geschurigelt wurde. Damals konnte er sich nicht wehren. Revenstorf leitete den Mann unter Hypnose an, seinen Vater im Nacherleben zur Strafe einfach auf eine heiße Ofenplatte zu hieven. Anders agierte er mit einer Frau, die als Erwachsene noch unter dem Erlebnis litt, wie sie als Kind ihre Mutter daheim nach deren Selbstmord fand. Er ließ sie die Verstorbene als Engel imaginieren. Die Mutter machte der Tochter aus dem Jenseits klar, daß der Tod für sie der richtige Weg war.
Der Therapeut braucht Menschenkenntnis und Fingerspitzengefühl, betont Revenstorf: “Wie man die Neukonstruktion einer traumatischen Szene anstößt, richtet sich immer nach der Vorstellungswelt und der Weltanschauung des Patienten.”
In der Praxis arbeiten viele Psychotherapeuten heute mit Kombinationen verschiedener Therapien. Hans-Christian Kossak ist von Haus aus Verhaltenstherapeut. Diese etablierte Schule geht, salopp formuliert, davon aus, daß beispielsweise Angststörungen erlernt sind, es also darauf ankommt, sich das falsch Gelernte wieder abzugewöhnen. “Ich kam bei vielen Problemen mit reiner Verhaltenstherapie nicht weiter”, sagt Kossak. “Mir wurde klar, daß ich die innere Vorstellungswelt der Patienten stärker berücksichtigen mußte – ihre Bewertungen, Einstellungen und Bilder.”
Hypnose bietet ihm dazu den besten Zugang. Kossak: “Früher mußte ich Menschen mit Ängsten erst einige Stunden lang anleiten, sich zu entspannen. Erst danach konnte ich versuchen, sie mit jenen Situationen zu konfrontieren, die bei ihnen Ängste auslösen.” Unter Hypnose ist die notwendige Entspannung heute in der ersten Sitzung erreichbar, die Therapie kann sofort beginnen. Das spart Stunden und damit Geld. Eine Umfrage der Milton-Erickson-Gesellschaft unter ihren 600 Hypnotherapeuten ergab, daß Hypnose die Dauer einer klassischen Psychoanalyse, einer Verhaltens- oder Gesprächstherapie um ein Drittel verkürzt. Eine Kombinationsbehandlung dauert im Durchschnitt 20 bis 30 Stunden. “Damit ist sie eine Kurzzeittherapie”, sagt Burkhard Peter. Der Psychologe Irving Kirsch von der University of Connecticut in Storrs, USA, analysierte 1995 viele Studien und fand heraus, daß sich die Effektivität einer Verhaltenstherapie und einer Psychoanalyse mit Hypnose sogar verdoppelt.
Statistisch gesichert ist der Erfolg von Hypnose bei Angststörungen und psychosomatischen Störungen. Bei anderen Krankheiten ist die Datenlage allerdings wackeliger. Bei Depressionen gibt es bisher keine einzige kontrollierte Studie zur Wirksamkeit von Hypnose. Besser sieht es bei Eßstörungen aus, wie Dr. Walter Bongartz von der Universität Konstanz herausgefunden hat: “Bei der Eß-Brechsucht, Bulimie, hilft Hypnose, weil diese Patientinnen besonders gut hypnotisierbar sind.” Bei der Magersucht, Anorexie, sähen die Ergebnisse weniger eindeutig aus. Bei der Fettsucht, Adipositas, ist eine Kombination von Verhaltenstherapie und Hypnose besser als eine reine Verhaltenstherapie. Die Menschen lernen zum Beispiel in der Verhaltenstherapie, einen festen Speiseplan einzuhalten und ihren Tagesablauf so zu gestalten, daß sie sich Befriedigung in anderen Dingen als nur dem Essen suchen. Parallel versucht der Therapeut in Hypnosestunden, die Motivation zur Gewichtsreduktion und Lebensbewältigung durch positive Suggestionen zu verbessern.
Noch hat niemand den Einfluß der Hypnotherapie auf das Seelenleben mit den modernen Methoden der Hirnphysiologie und Computertomographie genauer unter die Lupe genommen. Dabei könnten die vielleicht Erklärungsmöglichkeiten dafür liefern, was im Kopf stattfindet, wenn vergangene Erlebnisse neu konstruiert werden. Kann Hypnose die Erinnerung verändern? Kossak glaubt, daß es unter Hypnose keine “Geschichtsfälschung” gibt, daß die Patienten später den tatsächlichen Verlauf und die Neukonstruktion einer traumatisierenden Szene auseinanderhalten können. Doch ganz sicher ist er sich nicht: “Bei manchen Patienten würde es mich reizen, später einmal zu erforschen, ob sich die Erinnerung nicht doch dauerhaft verändert hat.”
Unnatürlich wäre das nicht. Jeder Mensch arbeitet auch ohne Hypnose kräftig an seiner Erinnerung, formt sie um, bewertet Dinge nach Jahren anders. Das Gedächtnis bietet kein präzises Abbild der erlebten Realität. Zu vieles entgeht dem Bewußtsein, wird vorher abgefangen, gefiltert und landet in unbewußten Speichern des Gehirns, aus denen es nie wieder abgerufen wird. Vielleicht ermöglicht die Hypnose ja einen Zugang zu diesen Speichern, mit denen Therapeut und Patient zusammen das Gedächtnis gezielt verändern.
Hypnose gelungen – Therapeut verblüfft Auch ein erfahrener Therapeut ist vor Überraschungen nicht sicher: Ein Mann wurde bei einem Test aufgefordert, sich vorzustellen, wie er ein Käsebrot ißt. Diese Suggestion sollte ihm helfen, sich zu entspannen. Das Gegenteil passierte, die Meßgeräte verrieten eine Streßreaktion. Der Puls des Mannes stieg auf 120 Schläge pro Minute, sein Atem ging schneller. Was war geschehen? Der Proband hatte sich in Hypnose nicht das gemächliche Verzehren seiner Brotzeit vorgestellt, sondern wie er zu seinem unten im Hof geparkten Auto rennt. Dort hatte er tatsächlich ein Käsebrot für die Mittagspause deponiert.
Bernhard Epping





