Menschenaffen: Tierische Ärzte - wissenschaft.de | Bild der Wissenschaft
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Tierische Ärzte
Dass Eltern ihre Kinder trösten und verarzten, wenn sich die Kleinen geschnitten oder die Haut aufgerissen haben, ist selbstverständlich: ein buntes Pflaster drauf, kräftig pusten und vielleicht noch ein Kuss. Meistens geht es dann schon wieder besser. Als die Biologin Alessandra Mascaro vor einiger Zeit im Regenwald Gabuns eine Gruppe von Schimpansen beobachtete, staunte sie aber: Plötzlich fing eine Schimpansenmutter mit der Hand eine Fliege aus der Luft, nahm sie zwischen die Lippen und trug sie dann auf eine offene Fleischwunde ihres Sohnes auf. Mascaro war fasziniert. Ein solches Verhalten war in der Wissenschaft bislang noch nie beschrieben worden. Daher entschloss sie sich, die Schimpansengruppe ein Jahr lang zu beobachten. Sie stellte fest, dass die Tiere sich des Öfteren auch selbst Fliegen applizierten, um diese als „Insektenmedizin“ zu nutzen.
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von TIM SCHRÖDER
Dass Eltern ihre Kinder trösten und verarzten, wenn sich die Kleinen geschnitten oder die Haut aufgerissen haben, ist selbstverständlich: ein buntes Pflaster drauf, kräftig pusten und vielleicht noch ein Kuss. Meistens geht es dann schon wieder besser. Als die Biologin Alessandra Mascaro vor einiger Zeit im Regenwald Gabuns eine Gruppe von Schimpansen beobachtete, staunte sie aber: Plötzlich fing eine Schimpansenmutter mit der Hand eine Fliege aus der Luft, nahm sie zwischen die Lippen und trug sie dann auf eine offene Fleischwunde ihres Sohnes auf. Mascaro war fasziniert. Ein solches Verhalten war in der Wissenschaft bislang noch nie beschrieben worden. Daher entschloss sie sich, die Schimpansengruppe ein Jahr lang zu beobachten. Sie stellte fest, dass die Tiere sich des Öfteren auch selbst Fliegen applizierten, um diese als „Insektenmedizin“ zu nutzen.
Diese Beobachtungen sind eine Sensation in der sogenannten Kognitionsforschung, die sich mit Denkprozessen befasst. Sie zeigen erstmals, dass Schimpansen Insekten zur Wundbehandlung ihrer Artgenossen einsetzen – also nicht nur sich selbst, sondern auch andere behandeln. Dieses Verhalten war bisher nur vom Menschen bekannt. „Es ist möglich, dass die Fliegen entzündungshemmende oder schmerzlindernde Substanzen enthalten“, sagt Mascaro, Doktorandin am Lehrstuhl für Kognitionsforschung an der Universität Osnabrück. „Es könnte sich aber auch nur um einen Placebo-Effekt handeln. Das muss erst untersucht werden.“
Dass Tiere zur Naturmedizin greifen, wissen Biologen schon seit mehreren Jahrzehnten. Selbstmedikation wird dieses Verhalten genannt. Zu den Vorreitern dieser Forschung gehört der Zoologe Michael Huffman, der in den 1990er-Jahren mit seinen Studien über Schimpansen berühmt wurde. Zusammen mit einem einheimischen Heiler hatte er in den Wäldern des Mahale-Nationalparks im Westen von Tansania kranke Schimpansen beobachtet, die bestimmte Bäume aufsuchten, um das Mark der Zweige zu schlucken. Innerhalb weniger Stunden erholten sich die Tiere von Durchfall und Fieber. Huffman erfuhr damals von dem Heiler, dass auch die Menschen aus der Region diese Pflanzen kennen und nutzen. Mit seinen Beobachtungen löste Huffman einen Boom in der Selbstmedikations-Forschung aus, der bis heute anhält. Regelmäßig veröffentlichen Biologen und Chemiker Fachartikel über Tiere, die Pflanzen und Naturmittel nutzen. Seit längerem weiß man auch, was die Pflanze enthält, die Huffmans Schimpansen Heilung verschaffte: Das Bitterblatt (Vernonia amygdalina) ist reich an sogenannten Steroid-Glykosiden, die Entzündungen hemmen und gegen Durchfall wirken.
Sind Menschenaffen prosozial?
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Das aktuelle Forschungsprojekt von Mascaro aber geht über die klassische Selbstmedikation hinaus. Denn sie untersucht nicht nur, welche Wirkstoffe in den Fliegen und anderen Insekten vorhanden sind, sondern auch das kognitive Verhalten der Tiere. „Unsere Beobachtungen tragen zur aktuellen Debatte über die Existenz von sogenanntem prosozialen Verhalten bei – Verhaltensweisen, die nicht das eigene, sondern das Wohlergehen eines anderen fördern“, sagt die Verhaltensbiologin Simone Pika, die den Lehrstuhl für Vergleichende Kognitionsbiologie an der Universität Osnabrück leitet und die Arbeit von Mascaro zusammen mit ihrem Kollegen Tobias Deschner betreut. „Prosoziales Verhalten kann beim Menschen durch Empathie angetrieben sein, also die Fähigkeit, sich in die Situation, Gefühls- oder Gedankenwelt eines anderen Menschen einzufühlen. Wir wollen herausfinden, ob unsere nächsten lebenden Verwandten, die Menschenaffen, auch dazu in der Lage sind.“ Und dafür sei die aktuelle Studie an den fliegenfangenden Schimpansen sehr hilfreich.
Kollegen vom Naturhistorischen Museum in Oxford und vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Greifswald wollen jetzt anhand der Gestalt der Fliegen und Erbgut-Analysen herausfinden, um welche Tierarten es sich handelt – und auch, welche Substanzen in den Insekten entzündungshemmend wirken. „Da wir uns bereits in einer Antibiotika-Krise befinden, weil es immer mehr Resistenzen gegen die herkömmlichen Wirkstoffe gibt, könnte diese Forschung wegweisend sein“, sagt Pika.
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Wissenschaftler vor allem für Naturstoffe interessiert, die die Tiere schlucken – etwa jene im Mark des tansanischen Bitterblatts. Bekannt ist auch, dass Papageien Lehm fressen, der Giftstoffe in der Nahrung bindet und neutralisiert. Und Michael Huffman beobachtete bereits vor 30 Jahren, dass Schimpansen raue Blätter im Ganzen schlucken, um damit Würmer aus dem Darm zu entfernen. Zuletzt aber sind immer mehr Studien über Tiere erschienen, die Naturstoffe äußerlich anwenden. Diese Verhaltensweisen waren lange Zeit einfach übersehen worden. Hinzu kommt, dass insbesondere die Forschung an Affen fast nur in Afrika stattfand.
Rheumasalbe der Orang-Utans
Überraschend waren da die Beobachtungen, die die Verhaltensbiologin Helen Morrogh-Bernard von der englischen University of Exeter vor wenigen Jahren präsentierte: Sie hatte im Süden der Insel Borneo Orang-Utans studiert – die einzige asiatische Menschenaffenart. Sie beobachtete, wie manche Orang-Utans Blätter des Drachenbaums Dracaena cantleyi zu Schaum zerkauen, um sich damit einzureiben. Sie stellte fest, dass sich vor allem Weibchen damit einreiben und den Schaum insbesondere an den Armgelenken auftragen. Warum sie das tun, war zunächst unklar.
Morrogh-Bernard analysierte die Blätter im Labor und machte eine interessante Entdeckung: Die Blätter enthalten eine Substanz, die Entzündungsreaktionen im Körper stoppt. Entzündungen werden durch eine komplexe Stoffwechselkette ausgelöst. Ein wesentliches Element dieser Kette ist der Botenstoff TNF-alpha, der die Produktion von Substanzen anregt, die Entzündungen fördern – etwa bei Rheuma. Die Laboranalysen zeigten, dass die Wirkstoffe in den Dracaena-Blättern, die TNF-alpha-Kette blockieren und so die Entzündungen hemmen. Morrogh-Bernard wurde dann klar, dass vor allem jene Weibchen Dracaena-Schaum verwenden, die Jungtiere mit sich herumtragen. Ihre Gelenke sind besonders belastet. Später stellte sich heraus, dass die Einheimischen im Süden Borneos diese Wirkung durchaus kennen. Um Schwellungen und blaue Flecken zu lindern, reiben sie die Haut mit gestampften Dracaena-Blättern ein. Morrogh-Bernard vermutet, dass sich die Menschen diese Therapie vor langer Zeit bei den Orang-Utans abgeschaut haben könnten. „Die Orang-Utans sind das bislang einzige bekannte Beispiel für Tiere, die sich mit entzündungshemmenden Substanzen einreiben“, sagt die Forscherin.
Schon länger ist bekannt, dass Tiere Substanzen auf ihr Fell oder Gefieder auftragen, um Parasiten wie Milben, Wanzen oder Stechmücken abzuschrecken. So weiß man, dass Amseln und andere Vögel Bäder in Ameisenhaufen nehmen. Die Ameisensäure scheint die Parasiten zu vergraulen. „Einemsen“ nennt man dieses Verhalten nach dem altertümlichen Begriff „Emse“ für Ameise. Forscher von der Smithsonian Institution in den USA fanden vor einigen Jahren heraus, dass sich südamerikanische Kapuzineraffen mit Tausendfüßern abreiben, die ein stechend riechendes Sekret abgeben. Die Laboranalysen der Forscher bestätigten den Verdacht: Die Flüssigkeit enthält die giftige Substanz Benzochinon, die Stechmücken abschreckt. Sie ist der perfekte Schutz gegen Krankheiten, die von den Mücken übertragen werden. Der Nachteil: In größeren Mengen ist Benzochinon gesundheitsschädlich und wirkt psychoaktiv wie eine Droge. Die Affen scheinen den Rausch billigend in Kauf zu nehmen.
Vier Strategien der Selbstmedikation
„Insgesamt haben Tiere vier verschiedene Strategien der Selbstmedikation“, sagt Michael Huffman, der seit vielen Jahren als Hochschulprofessor in der japanischen Stadt Kyoto lehrt. Zum einen nehmen Tiere Blätter, Lehm oder andere Substanzen wie eine Medizin ein, um eine bestehende Krankheit zu bekämpfen. In anderen Fällen schlucken sie Pflanzenbestandteile, um den Befall mit Darmparasiten zu verringern – so wie die Schimpansen in Tansania. Beobachtet wurde inzwischen auch eine dritte Strategie: die Einnahme von Substanzen, um Krankheiten vorzubeugen. Viertens nutzen Tiere wie die Kapuzineraffen stark riechende oder gar giftige Substanzen, um Parasiten abzuschrecken. Fumigation – Begasung – wird diese vierte Strategie genannt. Nicht nur auf Borneo, auch in vielen anderen Kulturen hätten sich die Menschen im Laufe der Zeit höchstwahrscheinlich von den Tieren die Kunst der Selbstmedikation abgeschaut, sagt Huffman und pflichtet damit Morrogh-Bernard bei.
Vor wenigen Jahren stellte Monserrat Suárez-Rodríguez von der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko fest, dass in manchen Fällen aber auch das Gegenteil der Fall sein kann. Dass Tiere nämlich von den Gewohnheiten des Menschen profitieren. Die Biologin fragte sich, warum Spatzen und Gimpel in Mexiko-Stadt im großen Stil die flauschige Zellulose aus Zigarettenstummeln in ihre Nester einarbeiten. Sie fragte sich weiter, ob es allein darum ginge, die Nester auszupolstern oder ob es denkbar sei, dass das in den Stummeln enthaltene Nikotin einen Fumigations-Effekt hat. Zunächst sammelte Suárez-Rodríguez Nester ein, um die Menge der verarbeiteten Zellulose abzuschätzen. Die Werte waren beachtlich. Insgesamt enthielten 90 Prozent aller Nester Zellulose. In einem Fall hatte ein Vogelpaar das Material aus 48 Stummeln in seinem Nest verbaut. Um den Fumigations-Effekt nachzuweisen, zählte die Forscherin die in den Vogelnestern hausenden Parasiten. Die Ergebnisse waren eindeutig: Je mehr Kippen die Nester enthielten, desto geringer war der Befall mit Milben.
Um das Ergebnis abzusichern, führte Suárez-Rodríguez ein weiteres Experiment durch. Sie bot Milben zwei verschiedene Nesttypen zur Wahl an: einen mit benutzten verqualmten Zigarettenstummeln und eines mit fabrikneuer Zellulose. Tatsächlich mieden die Milben das verqualmte Nest und stürzten sich auf das saubere. Ein Beleg dafür, dass Vögel in der Lage sind, sehr kreativ neuartiges Material für ihre Zwecke zu nutzen und Formen der Selbstmedikation nicht zwangsläufig über Jahrhunderte und Dutzende von Generationen weitergegeben worden sein müssen.
Die meisten Strategien aber dürften sich tatsächlich über lange Zeiträume entwickelt haben. So zerkaut beispielsweise der Indische Kurznasenflughund wie der Orang-Utan Pflanzenmaterial. Allerdings nicht, um sich damit einzureiben, sondern um damit sein Zeltdach aus Blättern und Ästen einzukleistern. Der Brei verströmt einen Duft, der blutsaugende Insekten in Schach hält.
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Der kluge Einsatz von natürlichen Mitteln im Tierreich scheint insgesamt keine Ausnahme, sondern eine weit verbreitete Erscheinung zu sein. Das Forschungsgebiet hält sicherlich noch viele Überraschungen bereit – und kann helfen, zukünftig weitere Substanzen und Strategien zu identifizieren, von denen auch der Mensch profitieren kann.
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