Der Teufel in St. Peter – eine wahrlich verblüffende Entdeckung. An jedem anderen Ort würde man ihn vermuten, nur nicht hier, und so stellt sich die Frage, was ihm wohl zu seinem Auftritt in der Hauptkirche der katholischen Christenheit verholfen haben mag. Um sie zu beantworten, bedarf es eines Blicks auf die politischen und gesellschaftlichen Umstände, unter denen das Grabmal entstanden ist. Mit dem Kirchenstaat stand es nicht zum besten, als im Juni 1740 der Bologneser Erzbischof Prospero Lambertini zum Papst gewählt wurde. Außenpolitisch hatte Rom fast jeden Einfluß verloren. Hinzu kam, daß die Autorität des Papstes als Haupt der römisch-katholischen Kirche durch den Triumph der Aufklärung ins Wanken geriet. Damit nicht genug: Auch wirtschaftlich war der Kirchenstaat am Ende. Ein Schuldenberg von etwa 56 Millionen Scudi hatte sich angehäuft, nach dessen Ursachen der frischgewählte Papst nicht lange zu fragen brauchte. Durch die besondere Verfassung des Papsttums als einer Wahlmonarchie schrieb sich seine Geschichte nicht zuletzt als Folge von Interessenkonflikten, klientelärer Bindungen und rücksichtslos verfolgter Familienpolitik. In einer Zeit, in der die einzige soziale Absicherung die Familie darstellte, galt es, alles auf eine, ebendie familiäre Karte zu setzen. Wer in die kuriale Karriere seines Sohnes, Bruders, Neffen kräftig investiert hatte, hoffte darauf, daß diese Anlage zur gegebenen Zeit ihre Rendite tragen würde. War es tatsächlich gelungen, den eigenen Kandidaten auf den Papstthron zu heben, ließ der Segen für die Angehörigen in Form von Macht und Reichtum nicht lange auf sich warten.
Kaum ein Pontifex der frühen Neuzeit zog ohne seine Familie in den Vatikan ein, und die wichtigsten und einträglichsten Ämter der Kurie besetzten bald die Nepoten des jeweiligen Papstes, die in großer Eile ihre Einkünfte zu mehren suchten, denn das plötzliche Ableben des päpstlichen Onkels konnte die sprudelnde Quelle abrupt zum Versiegen bringen. Die Verkündigung des Wortes Gottes war zur Nebensache verkommen – der Teufel hatte leichtes Spiel: Gewaltige Summen verschwanden in den schier unersättlichen Schlünden der päpstlichen Familien.
Dieses Phänomen der Verwandtenförderung trug den Namen Nepotismus (italienisch = Vetternwirtschaft). Bereits Innozenz XI. (1676 – 1689) hatte zugeben müssen, daß der exzessiv betriebene Nepotismus seiner Vorgänger den Kirchenstaat nicht nur finanziell zu ruinieren drohte, sondern auch dem Ansehen des Papstes großen Schaden zugefügt hatte. Doch erst Innozenz XII. (1691– 1700) schaffte das Amt des Kardinalnepoten offiziell ab und suchte die Förderung der Verwandten auch sonst zu beschränken. Familiäre Bindungen blieben jedoch wichtig, und schon ein Vierteljahrhundert später erschütterten skandalöse Ereignisse die Kurie.




