Die Bedrohung durch Fressfeinde ist ein wichtiger Faktor, der die natürliche Selektion antreibt. Im Laufe der Evolution haben Arten deshalb verschiedene Strategien entwickelt, um sich vor Räubern zu schützen. Deutlich wird das zum Beispiel bei Insekten: Manche sind dank ihrer unauffälligen Färbung kaum zu entdecken; andere setzen dagegen auf Abschreckung und signalisieren mit leuchtenden Farben, dass sie ungenießbar oder sogar gefährlich sind.
„Die Koexistenz dieser beiden Strategien belegt, dass beide unter verschiedenen Umständen erfolgreich sein können“, erklärt ein Team um Iliana Medina von der University of Melbourne in Australien. Obwohl es bereits zahlreiche Theorien dazu gibt, welche Faktoren dazu beitragen, dass die eine oder andere Taktik besser geeignet ist, fehlten bislang groß angelegte praktische Überprüfungen.

Experiment mit Mottenattrappen
Das haben Medina und ihre Kollegen nun nachgeholt: „Wir haben ein weltweites Experiment an 21 Standorten auf sechs Kontinenten durchgeführt, um zu untersuchen, wie die Raubtiergemeinschaft, die Beutegemeinschaft und die visuelle Umgebung das Fraßrisiko von Insekten mit tarnender oder warnender Färbung beeinflussen“, berichten die Biologen. Dazu verteilten sie 15.000 Mottenattrappen aus Papier in gemäßigten und tropischen Wäldern, unter anderem in Kanada, Brasilien, Indien, Tschechien, Westaustralien und Kamerun.
Einige der Papiermotten hatten unauffällig braune Flügel, einige typische orange-schwarze Warnfarben und einige ein ungewöhnliches türkis-schwarzes Warnmuster. Als reale Beute spickten die Forschenden jedes dieser Modelle mit einem Mehlwurm. In einem ergänzenden Experiment versetzten sie die Würmer mit der bitteren Substanz Chinin, um ungenießbare Beutetiere zu simulieren. Anschließend erfassten sie, von welchen Papiermotten Vögel innerhalb von acht Tagen den Wurm fraßen.
Das Ergebnis: „Es gab keine allgemein ‚beste‘ Strategie – wie viel Schutz eine bestimmte Färbung bot, hing vom ökologischen Kontext ab“, berichten die Forschenden. Besonders wichtig sind die Umweltbedingungen demnach für Tiere, die auf Tarnung setzen. Vor allem zu Beginn des Experiments wurden die Würmer von unauffälligen braunen Mottenattrappen seltener gefressen. Das galt insbesondere in Regionen mit schwachem Licht und hoher Konkurrenz zwischen den Vögeln. „Der Erfolg von Tarnstrategien nimmt aber ab, wenn getarnte Beutetiere häufig vorkommen und die Vögel lernen, gezielt danach zu suchen“, erläutert das Forschungsteam.






