Ein süsslicher Duft hängt über den Slums von Mexico-City: Entwicklungshelferinnen verteilen Bananen an kleine Kinder. Die stopfen die leckeren Früchte gleich in sich hinein – und nehmen dabei einen Impfstoff gegen Cholera-Bakterien zu sich. Dieser Vision wollte der US-Wissenschaftler Charles Arntzen 1997 Realität verschaffen – bild der wissenschaft berichtete darüber („ Heikle Vorsorge”, Heft 3/1997). „Eine zehn Hektar große Bananenplantage reicht, um in Mexiko alle Kinder unter fünf Jahren zu impfen”, vermutete der damalige Leiter des Boyce-Thompson-Pflanzenforschungsinstituts in Ithaca, New York.
Impfstoffe, die an Bäumen wachsen, vor Ort billig herzustellen sind und zudem noch gut schmecken – das war Arntzens Zukunftsmodell für Massenimpfungen in Ländern der Dritten Welt. Mit der bereits etablierten Grünen Gentechnik im Rücken, um das Bananen-Genom zum Vakzin-Produzenten zu machen, und mit Fördergeld von der Weltgesundheitsorganisation WHO in der Laborkasse schien der Amerikaner gute Karten zu haben. Doch die Impfbanane erwies sich bald als faules Früchtchen. „Es ist uns nicht gelungen, ein als Antigen wirkendes Protein in der Banane auszubilden”, bedauert Arntzen.
Doch der US-Forscher gab nicht auf. Bereits 1998 hatte er mit der Kartoffel eine deutlich kooperativere Biofabrik gefunden, die beispielsweise Impfstoffe gegen Cholera-Bakterien sowie das Norwalk-Virus, einen Durchfallerreger, produzierte. Klinische Versuche an Probanden mit den Kartoffel-Vakzinen waren erfolgreich. Die Sache hat nur einen Haken: Die Knolle muss roh verzehrt werden, denn Kochen zerstört den hitzeemp- findlichen Impfstoff. Außerdem war Arnzten nun mit einem Problem ganz anderer Art konfrontiert: „Pharmakonzerne lehnten es ab, unseren Impfstoff bis zur Marktreife zu entwickeln”, berichtet der Wissenschaftler, „denn solche Projekte bringen in der Regel nur philanthropische Gewinne.”
Neue finanzielle und botanische Allianzen mussten her. Und Arntzen fand sie: Nach dem Terror-Attentat vom 11. September 2001 konnte der Forscher staatliche Gelder mobilisieren, um Impfstoffe zu entwickeln, die bei einem Anschlag mit biologischen Kampfstoffen massenhaft benötigt würden. Der Partner aus Mutter Natur, die Tabakpflanze, ist heute das Idealgewächs des Pflanzenforschers. Arntzen arbeitet mittlerweile an der Arizona State University, als Direktor am Center for Infectious Diseases and Vaccinology. Seit vier Jahren züchtet er dort genetisch veränderte Tabakpflanzen, die fleißig Impfstoffe gegen Cholera, Hepatitis C sowie gegen pathogene Stämme des Darmbakteriums E. coli bilden. Gemeinsam mit der deutschen Firma Icon Genetics in Halle gelang ihm im November 2005 auch die Vakzin-Produktion gegen den Pest-Verursacher Yersinia pestis. Damit nicht genug: Arntzens Team und Wissenschaftler vom Army Research Center in Fort Detrick konnten der Tabakpflanze sogar einen Impfstoff gegen das Ebola-Virus entlocken. Erste Versuche an Mäusen verliefen erfolgreich.
Dabei braucht niemand zu befürchten, dass Zigarettenqualm aus den Impflokalen aufsteigen würde. Denn Impfstoffe aus Tabakpflanzen werden nicht als Rauchprodukte angeboten und auch nicht nach Art eines Nikotinpflasters. Der Patient bekommt eine handelsübliche Tablettenkapsel mit dem getrockneten Pflanzensaft. In dieser Form lassen sich die Impfstoffe einfach verabreichen und platzsparend lange lagern. Das Ganze scheint so gut zu funktionieren, dass der Pharmagigant Bayer hellhörig wurde und im Januar 2006 Icon Genetics aufkaufte.
Arntzen ist sicher, dass „biologische” Impfstoffe nun doch eine Zukunft haben. Zumal ein neuer potenzieller Sponsor für seine Forschung aufgetaucht ist, der Interesse an einem positiven Image der Tabakpflanzen hat: die Zigarettenindustrie. Arntzen steht in Gesprächen mit Philip Morris. Désirée Karge■





