Die Kelten bildeten zwar kein “Reich” im Sinne der auf Schriftlichkeit beruhenden orientalischen und mediterranen Großreiche; dennoch wurden sie von Griechen und Römern als Stammesgruppe mit einer gewissen kulturellen Einheitlichkeit wahrgenommen. Hier wurzeln die berühmten Keltenklischees wie Rothaarigkeit, Körperkraft, Trunksucht, Tollkühnheit usw.
Nach dem geographischen Denkschema der Griechen um etwa 350 v. Chr. war die hellenische Welt ringsum von “Barbaren” umgeben: Im Süden von den “Äthiopiern”, im Osten von den Indern, im Norden von den Skythen und im Westen von den Kelten. Das Herrschaftsgebiet der Keltenstämme bezeichneten die Griechen als Keltiké, der römische Geschichtsschreiber Titus Livius (59 v. Chr – 17 n. Chr.) nannte es das “Celticum”, ein riesiges Gebiet, aus dem raubende Kriegermassen hervorbrachen, mit dessen Bewohnern man aber auch Handel trieb.
So einfach dieser Befund scheint, es ist dennoch für den Keltenforscher nicht leicht, das Objekt seines Interesses methodisch einwandfrei zu bestimmen. So wird etwa von der späten Hallstattkultur beispielsweise nur die westliche Variante (mit den Wagenbeisetzungen) vorbehaltlos als keltisch angesehen. Auch die nach einer Fundstelle am Neuenburger See “La Tène” genannte Kultur gilt zwar als insgesamt keltisch, doch muß man gleichzeitig anerkennen, daß es in dieser Kulturperiode Gebiete gegeben hat, die auf Grund der sprachlichen Befunde keltisch waren, in denen es bislang aber wenig oder gar keine Latènefunde gegeben hat. Dies gilt für das noch wenig erforschte Galatien in Inneranatolien, für den keltiberischen Siedlungsraum auf der Iberischen Halbinsel und insbesondere für die Britischen Inseln (einschließlich Irland) und sogar für einen Volksstamm, wie den der Arverner (in der heutigen Auvergne).
Diese führen ganz eindeutig keltische Namen und haben sich bekanntlich unter ihrem König Vercingetorix prononciert “antirömisch-keltisch” verhalten. Wenn nun aber sogar die Arverner keine Kelten wären, wer wäre dann überhaupt Kelte? Und dennoch: an der Latènekultur hatten die Arverner kaum Anteil. Umgekehrt steht es mit Pannonien, jener römischen Provinz zwischen dem Ostrand der Alpen, der Donau und der Saveniederung: Hier gibt es genügend eindrucksvolle Latènefunde, aber die keltische Sprache war vielleicht nur ein oberflächlicher Firnis, der vor allem die Namenmode erfaßte. Wer heute seinem Sohn den Modenamen Kevin gibt, muß deswegen ja auch kein Ire sein. Sowohl auf der Iberischen Halbinsel als auch auf den Britischen Inseln gibt es nur spärliche Funde aus der Hallstattkultur.
Was die Britannier und die Iren betrifft, so wurden sie in der Antike und bis in die frühe Neuzeit denn auch keineswegs mit Galliern oder Kelten gleichgesetzt, obwohl Caesar eine in Südbritannien ansässige Gruppe von “belgischen” Stämmen erwähnt, die erst kurz vor seiner Zeit vom Kontinent nach Britannien herübergekommen seien. Tatsächlich gibt es zum Beispiel den Stamm der Atrebates sowohl in der Belgica (Arras) als auch in Britannien (um Silchester). Erst seit der Neuzeit und besonders seit der Entstehung der keltischen Sprachwissenschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts werden die Inselkelten als Kelten und ihre auf den Britischen Inseln gut überlieferten Sprachen als “das Keltische” angesehen. Auf der Basis des Inselkeltischen beurteilen wir also die Sprachreste auf dem Kontinent bezüglich ihrer “Keltizität”. Daß zum Beispiel “Ver-cingeto-rhx” ein keltischer Name ist und was er bedeutet, ersehen wir primär durch Vergleich mit irischen Wörtern: ver = irisch “for” (über), cingeto = irisch cing(ed) (Krieger), rhx = irisch “rí” (König). Nur unterstützend treten von antiken Autoren überlieferte Glossenwörter und Restwörter, etwa im Französischen, hinzu.




