Das Gespräch führte SALOME BERBLINGER
Prof. Storr, wann spricht man von einem Reizdarm?
Für die Diagnose Reizdarm-Syndrom sind drei Kriterien entscheidend: Es bestehen Beschwerden im Bauchraum. Diese Beschwerden schränken die Lebensqualität stark ein. Und die Beschwerden sind nicht durch eine andere Erkrankung erklärbar. Im Gespräch mit dem Patienten klären wir auch darüber auf, was zu einer normalen Darmfunktion gehört und was nicht. Denn Blähungen, Bauchschmerzen oder Stuhlgangprobleme, die einen dann und wann plagen, sind normal. Wenn das allerdings nach nahezu jeder Mahlzeit so ist, dann stimmt etwas nicht.
Was sind die Ursachen eines Reizdarms?
Die Ursachen sind ausgesprochen vielfältig. Und letztlich ist es ein Zusammenspiel verschiedener Ursachen, das zum Reizdarm führt. So kommt es auf genetische Faktoren an, die Ernährung und den Lebensstil sowie auf das Mikrobiom des Darms, also die Gesamtheit der Bakterien. Die wichtigste Rolle aber spielt die Darm-Hirn-Achse: Über sie sind das Schmerzgedächtnis und die Wahrnehmung verankert. Außerdem reguliert sie Prozesse im Darm. Der Reizdarm ist eine Nervenerkrankung, deren wesentliche Ursache in einer Funktionsstörung der Darm-Hirn-Achse liegt. Stress kann ein Auslöser sein und die Beschwerden auch verstärken. Die Darm-Hirn-Achse ist deshalb bei der Behandlung nicht wegzudenken.
Wie lässt sich das Reizdarm-Syndrom therapieren?
Jeder Patient hat andere Problemschwerpunkte, die man als erfahrener Arzt aber recht gut identifizieren kann. Und an diesen Schwachstellen setzen wir mit den Therapiebausteinen an. Zu Beginn der Basistherapie stehen entspannende Maßnahmen, um Stress abzubauen. Dass zum Beispiel regelmäßige Bewegung und Sport wichtig sind, wird von vielen vergessen oder im Zusammenhang mit dem Reizdarm-Syndrom unterschätzt. Und dann kommt die Ernährungsumstellung hinzu. Zur weiterführenden speziellen Therapie gehören verhaltenstherapeutische Maßnahmen wie eine Psychotherapie und medikamentöse Maßnahmen, etwa auch rezeptfreie Präparate aus der Apotheke.
Welche Lebensmittel verträgt der Darm besser als andere?
Das ist zum einen individuell unterschiedlich, zum anderen gibt es bestimmte Lebensmittel, die reizdarmunverträglich sind. Patienten sollten daher ein Ernährungs-Symptom-Tagebuch führen, um herauszufinden: Was tut meinem Darm gut, und was tut ihm weniger gut? Eine Beschwerdelinderung verspricht außerdem die FODMAP-Diät. Dabei verzichten Patienten gezielt auf verschiedene Zucker: fermentierbare Oligosaccharide (Fructane und Galaktane), Disaccharide (Laktose), Monosaccharide (Fruktose) und (and) Polyole (Zuckeraustauschstoffe). Wer am Reizdarm-Syndrom leidet, sollte zum Beispiel eher zur Banane als zum Apfel greifen. Denn Bananen sind ärmer an Fruktose und deshalb verträglicher.





