Die Herstellung von Medikamenten aus Blutplasma ist ein stark regulierter Prozess. Die Biotest AG erfüllt als einziges deutsches Unternehmen die strengen Auflagen.
DAS KÜRZEL CMV steht für das Cytomegalie-Virus – eine der acht bislang bekannten Arten von Herpes-Viren. Jeder zweite Europäer ist mit diesem Virus infiziert – was so weit nicht schlimm ist. Doch manchmal kann das Virus zu ernsten Gesundheitsschäden führen: etwa, wenn das Immunsystem eines Transplantations-Patienten so stark geschwächt ist, dass es das Virus nicht stoppen kann. Oder wenn ein ungeborenes Kind im Mutterleib infiziert wird, dessen Immunsystem nicht stark genug ist, um das Virus zu bekämpfen. Dies geschieht allerdings nur, wenn sich die Mutter während der Schwangerschaft erstmals mit CMV infiziert, was in Deutschland rund 3500-mal pro Jahr passiert. Etwa jedes dritte CMV-infizierte Kind erleidet dadurch Gesundheitsschäden, zum Beispiel Seh- und Hörschäden. Manche Kinder kommen auch schwerer behindert zur Welt. Die CMV-Infektion während der Schwangerschaft gilt als die Hauptursache für kindliche Taubheit. Bisher gibt es keine Möglichkeiten, sie zu behandeln.
Das Biotechnologie-Unternehmen Biotest in Dreieich bei Frankfurt könnte das nun ändern. Die Experten dort wollen zeigen, dass ein von Biotest hergestelltes sogenanntes Hyperimmunglobulin (Antikörper) CMV-infizierten schwangeren Frauen und deren Kindern helfen kann. Bislang wird das Präparat nur bei Transplantations-Patienten eingesetzt. Hier hat eine erste kleine Studie die Hoffnungen der Dreieicher bestärkt: Hyperimmunglobuline haben das Cytomegalie-Virus erfolgreich bekämpft. „Das Produkt ist nicht neu, wohl aber das Anwendungsgebiet”, sagt Biotest-Produktmanager Georg Ebers. „Wenn wir in unserer aktuellen – weltweit einzigartigen – Studie nachweisen können, dass unser Präparat auch bei einer CMV-Infektion wirkt und keine Nebenwirkungen hat, würde das Hilfe für Tausende Kinder bedeuten – und einen großen Erfolg für unser Unternehmen.”
Das Hauptgeschäftsfeld der Biotest AG ist die Herstellung von Medikamenten gegen Blut- und Immunerkrankungen. Das geschieht in der Regel auf der Basis von menschlichem Blutplasma – Biotest ist das einzige deutsche Unternehmen, das Medikamente daraus produziert. Die Arbeit des Unternehmens unterliegt strengen behördlichen Auflagen. Es muss ausgeschlossen sein, dass sich ein Patient durch ein pharmazeutisches Präparat etwa mit HIV infiziert. „Wir werden wahrscheinlich noch strenger überprüft als Atomkraftwerke”, sagt Marketingleiter Wolfgang Knirsch. So wird in Deutschland jedes aus Blutplasma hergestellte Produkt in der sogenannten Chargenprüfung vom Paul-Ehrlich-Institut, einer Bundesbehörde, kontrolliert. Allein eine neue Plasma-Anlage genehmigen zu lassen, dauert rund ein Jahr. Verkauft werden die Produkte in 160 Ländern mit unterschiedlichen Auflagen. Die Nachfrage steigt seit Jahren – „auch, weil Biotest die höchsten Qualitätsansprüche erfüllt”, sagt Ebers. „Wir könnten viel mehr verkaufen, kommen aber mit der Produktion nicht nach.”
von Konstantin Zurawski
Ohne Titel
Reinheit ist oberstes Gebot
Die meisten Biotest-Medikamente basieren auf menschlichem Blutplasma, das aus Plasmaspenden gewonnen wird. Blutplasma ist der flüssige, zellfreie Teil des Blutes, das Proteine (zum Beispiel Immunglobuline) und Elektrolyte (zum Beispiel Kalzium) enthält. Vor der Verarbeitung wird das Blutplasma zwei Monate lang tiefgefroren eingelagert. Diese Wartezeit ist notwendig, weil manche Bluttests erst nach Wochen ein zuverlässiges Ergebnis liefern. Jede Plasmaspende wird auf Viren und andere Erreger überprüft – nur gesunde Spenden werden verwendet. Als nächster Schritt folgt die sogenannte Virus- Inaktivierung. Sie soll gewährleisten, dass selbst die Krankheitserreger eliminiert werden, die bei der Überprüfung nicht gefunden wurden. Dafür werden die Plasmaspenden erhitzt und bei Biotest zusätzlich nanofiltriert. „Die Löcher des Nano-Filters sind extrem klein, da passen selbst Viren nicht hindurch”, erklärt der Produktmanager Georg Ebers. Danach beginnt die eigentliche Verarbeitung – die sogenannte Cohn-Fraktionierung, bei der Ethanol dem Blutplasma in immer höherer Konzentration zugefügt wird. Je nach Konzentration fallen verschiedene Stoffe, etwa Immunglobuline, als Niederschlag aus, die im nächsten Schritt weiter gereinigt werden. Die Cohn-Fraktionierung ist im Prinzip seit den 1940er-Jahren bekannt. Unternehmen wie Biotest arbeiten daran, sie immer weiter zu verbessern.
Das Unternehmen …
1946 gründeten Carl-Adolf Schleussner und Hans Schleussner das Biotest-Serum-Institut. Das Familienunternehmen konzentrierte sich anfangs auf die Forschung im Bereich Blutgruppenbestimmung. 25 Jahre später produzierte Biotest die ersten Immunglobulin-Präparate. 1986 wurde die Biotest-Serum-Institut GmbH in die Biotest AG umgewandelt, die 1987 an die Börse ging. Heute produziert und entwickelt Biotest Medikamente zur Behandlung von Blut- und Immunerkrankungen und Systeme zur Diagnostik bei Transfusionen und Transplantationen. Ein weiterer Geschäftsbereich ist die Fertigung von Produkten zur Reinheitsüberwachung von Luft und Oberflächen. So hat Biotest ein System entwickelt, das Luft ansaugt und deren Keimbelastung testet. Es wird weltweit verkauft und war schon einmal im Weltall: Die NASA nutzte es dort für Forschungszwecke. Das Geschäft läuft gut: Die Mitarbeiterzahl hat sich seit 2003 fast verdoppelt, genauso wie der Umsatz. Seit Dezember 2007 hat Biotest neben Dreieich einen weiteren Produktions- und Entwicklungsstandort für Plasmaproteine in Boca Raton in Florida eröffnet. Von den 1800 Mitarbeitern sind 150 in Forschung und Entwicklung tätig. Eingestellt werden hauptsächlich Naturwissenschaftler aus Biologie und Chemie. Biotest bildet Biolaboranten, Chemikanten, Elektroniker sowie Industriemechaniker und Industriekaufleute aus.
… in Zahlen
Gründung: 1946
Unternehmensleitung: Prof. Gregor Schulz
Mitarbeiter: 1800
Umsatz (2007): 326 Millionen Euro
Web: www.biotest.de
E-Mail: email@biotest.de





