Der 1926 in Shanghai geborene und seit seinem neunzehnten Lebensjahr in den USA tätige Physiker Tsung-Dao Lee ist im August 2024 in San Francisco gestorben, ohne dass den Medien dies eine Notiz wert gewesen wäre. Als Lee 1957 den Nobelpreis für Physik erhielt, gehörte er zu den jüngsten Laureaten, die nach Stockholm eingeladen wurden. Nur der 1901 geborene Werner Heisenberg, der 1932 die hohe Ehrung durch die Schwedische Akademie erfahren hat, konnte ihm in dieser Hinsicht das Wasser reichen. Tsung-Dao Lee teilte sich den Nobelpreis mit seinem ebenfalls chinastämmigen Kollegen Chen Nin Yang, der 1922 geboren worden ist und mit seinen 101 Lebensjahren der aktuell älteste lebende Nobelpreisträger ist. Lee und Yang trafen sich in den 1950er-Jahren in New York, und beide interessierten sich für damals beobachtete Elementarteilchen – sie wurden Tau und Theta genannt –, die zwar identisch schienen, die aber auf unterschiedliche Weise zerfielen. Behandelte man die Teilchen als verschieden, traten unlösbare theoretische Probleme auf. Behandelte man sie als gleich, kam man mit einer grundlegenden Annahme der Physik in Konflikt, die als Parität bekannt war. Letztere verlangt, dass physikalische Objekte sich stets so wie ihr Spiegelbild verhalten.
1956 beschlossen Lee und Yang während eines Sommers, den sie am Brookhaven National Laboratory in Upton im US-Bundesstaat New York verbrachten, sich genauer um das „Tau-Theta-Rätsel“ zu kümmern, wie man damals sagte. Und so fragen sie sich, ob die Physik wirklich sicher sein konnte, dass die Parität auch gilt, wenn das Zerfallen von Teilchen durch die schwache Wechselwirkung bewirkt wird, die man für den Beta-Zerfall von radioaktiven Atomen verantwortlich machte. Das Duo aus Lee und Yang arbeitete sich durch die Literatur der letzten Jahrzehnte und wurde dabei immer aufgeregter. Man konnte hören, wie sie sich in ihren Büros auf Chinesisch und Amerikanisch anbrüllten und bei Besuchen am Strand mathematische Formeln in den Sand kritzelten und wieder verwirbelten.





