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Streit um gesunde Ernährung
Rotes Fleisch hat keinen guten Ruf. Wer übermäßig viel davon isst, erhöht damit angeblich massiv sein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Auch der häufige Verzehr von verarbeitetem Fleisch sei ungesund, heißt es immer wieder.
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von CHRISTIAN WOLF
Rotes Fleisch hat keinen guten Ruf. Wer übermäßig viel davon isst, erhöht damit angeblich massiv sein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Auch der häufige Verzehr von verarbeitetem Fleisch sei ungesund, heißt es immer wieder.
Im Internet gibt es unzählige Seiten, auf denen Institute, Verbände und Gesellschaften Ratschläge zu gesunder Ernährung verbreiten – doch sie stecken voller Widersprüche. Und vieles, was gestern noch galt, ist heute überholt. So häuften sich 2019 Beiträge, die verkündeten, dass der Verzehr von rotem Fleisch und verarbeiteten Fleischprodukten doch nicht so gesundheitsschädlich sei wie vorher behauptet. Auf der Grundlage von fünf Übersichtsarbeiten war ein internationales Team von Forschern um den Epidemiologen Bradley Johnston von der University of Toronto zu dem Ergebnis gekommen, dass es bei den normalerweise verzehrten Fleischmengen kein Problem gibt. Unproblematisch sind demnach auch die immerhin knapp 60 Kilogramm Fleischwaren, die in Deutschland pro Jahr durchschnittlich auf den Teller kommen. Das Team um Bradley Johnston fand keine eindeutigen Belege dafür, dass Menschen relevant häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder an Krebs leiden, wenn sie mehr Koteletts, Steaks oder Schinken essen. Rotes Fleisch war plötzlich rehabilitiert, allerdings nicht ohne heftigen Widerspruch von anderen Wissenschaftlern.
Auch für Lebensmittel wie Milchprodukte, Fruchtsäfte, Alkohol oder Getreide ändern sich die Ernährungsempfehlungen immer wieder. Mal werden Eier verunglimpft als Quelle von Cholesterin, das die Arterien verstopft, mal werden sie als ausgezeichnete Proteinlieferanten und hervorragendes Antioxidans beworben. Selbst bei grundlegenden Fragen, etwa ob fettarme oder kohlenhydratarme Lebensmittel gesünder sind, scheiden sich die Geister. Ernährungswissenschaftler Lukas Schwingshackl vom Institut für Evidenz in der Medizin am Universitätsklinikum Freiburg sagt: „Ernährungsstudien kommen immer wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen. In den Medien werden sie rasch verbreitet und Empfehlungen daraus abgeleitet − das verunsichert die Menschen.“
Beobachtungsstudien haben Grenzen
Warum warten ernährungswissenschaftliche Studien immer wieder mit entgegengesetzten Ergebnissen auf? Dahinter scheint ein grundsätzliches Problem zu stecken. Ein Großteil der Ernährungsempfehlungen basiert auf Beobachtungsstudien, zum Beispiel sogenannten Kohortenstudien. Dabei beobachten Forscher oft über viele Jahre hinweg zwei Gruppen („Kohorten“) von Menschen, die sich unterschiedlich ernähren und lassen sie Ernährungstagebücher führen. Währenddessen wird der Gesundheitszustand der Teilnehmer erfasst. „Solche Kohortenstudien können helfen, Fragen nach der Häufigkeit und den Risikofaktoren einer Krankheit zu beantworten“, sagt Schwingshackl. „Doch sie stoßen schnell an ihre Grenzen.“
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Ein Beispiel dafür ist die EPIC-Studie (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), eine Kohortenstudie mit mehr als 500.000 Teilnehmern, die über die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Krebs aufklären sollte. Sie umfasste einen Zeitraum von acht Jahren (1992 bis 2000), und es beteiligten sich 23 ernährungswissenschaftliche Zentren in 10 europäischen Ländern. Da die Teilnehmerzahl mit mehr als einer halben Million hoch war, wirken die Ergebnisse aussagekräftig – zum Beispiel, dass ein Zusammenhang zwischen einer erhöhten Ballaststoffaufnahme und einem geringeren Dickdarmkrebsrisiko besteht oder dass man vermeiden sollte, Fleisch und Fisch sehr heiß in der Pfanne zu braten oder über offenem Feuer zu grillen, da die dabei entstehenden Verbindungen möglicherweise krebsfördernd sind.
Doch andere Ernährungsempfehlungen mussten im Nachhinein revidiert werden. So suggerierten zu Beginn der Studie die Daten einen Zusammenhang zwischen hohem Gemüseverzehr und geringerem Krebsrisiko. Doch dieser Effekt konnte ein Jahrzehnt später für die meisten Krebsarten wie Brust-, Pankreas-, Nierenzell-, Blut- und Prostatakrebs sowie Lymphome nicht bestätigt werden.
Dass Aussagen korrigiert werden müssen, trifft auch auf viele andere Beobachtungsstudien zu. Der Mediziner und Ernährungswissenschaftler Andreas Pfeiffer von der Berliner Charité nennt Gründe: „Manchmal werden die Teilnehmer von Beobachtungsstudien nur einmal zu ihrer Ernährung in den letzten 24 Stunden befragt, oder es werden Fragebogen zur Verzehrhäufigkeit verwendet. Der Rest wird dann hochgerechnet.“ Doch eine einmalige Befragung berücksichtigt nicht, dass sich die Ernährungsgewohnheiten der Teilnehmer im Lauf der Jahre verändern könnten. Dazu komme, dass Menschen gerade bei ungesunden Nahrungsmitteln wie Alkohol nicht ehrlich antworten, meint Schwingshackl. „Alle statistische Herumrechnerei nützt nichts, wenn solche Angaben nicht stimmen.“
Ernährung – oder Lebensstil?
Ein weiteres großes Problem von Beobachtungsstudien ist, dass der Konsum bestimmter Lebensmittel in der Regel mit anderen Verhaltensweisen einhergeht, die der Gesundheit schaden oder nutzen. „In Gruppen, in denen die Probanden sehr viel gesättigte Fettsäuren zu sich nehmen, finden sich mehr Menschen mit insgesamt ungesünderem Lebensstil“, sagt Schwingshackl. „Menschen, die mehr rotes Fleisch essen, haben häufiger Diabetes, eine höhere Energieaufnahme und sind vermehrt Raucher.“
In den Beobachtungsstudien fällt zwar auf, dass Menschen mit einem hohen Konsum an gesättigten Fettsäuren häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden – die Ursache dafür müssen aber gar nicht die gesättigten Fettsäuren sein, vielleicht ist es auch der allgemein ungesündere Lebensstil. Und die Forscher müssten Einflussfaktoren wie das Alter, das Geschlecht oder Vorerkrankungen statistisch berücksichtigen. Doch das ist oft nicht der Fall.
Auf Grund der vielen Einflussfaktoren, die Forscher als „Störfaktoren“ bezeichnen, zeigen die Beobachtungsstudien in der Regel nur statistische Zusammenhänge zwischen einer bestimmten Ernährungsweise und der Gesundheit auf. Aussagen über einen echten Zusammenhang von Ursache und Wirkung sind meist nicht möglich.
Grenzen der Durchführbarkeit
Um Störfaktoren zu vermeiden und verlässliche Aussagen über Ursachen und Wirkungen zu treffen, eignen sich randomisiert-kontrollierte Studien am besten. Sie sind in der Medizin der Goldstandard. Per Los wird bestimmt, wer von den Freiwilligen ein Medikament und wer lediglich ein Placebo ohne Wirkstoff erhält. Diese Randomisierung sorgt für eine annähernde Gleichverteilung von unbekannten Störfaktoren und für eine ähnliche Ausgangssituation in den beiden Gruppen. Bessert sich die Gesundheit in der Medikamentengruppe in stärkerem Maße als in der Placebogruppe, spricht viel für die Wirksamkeit eines Medikaments.
Doch solche Studien gibt es in den Ernährungswissenschaften kaum. Denn kein Teilnehmer wäre bereit, sich aufgrund einer Losentscheidung über Jahre hinweg komplett anders zu ernähren, als er eigentlich möchte. „Und es gibt auch ethische Gründe, warum nicht so viele randomisiert-kontrollierte Studien durchgeführt werden“, sagt Lisa Affengruber, Ernährungswissenschaftlerin an der Donau-Universität Krems. „Bei einer randomisiert-kontrollierten Studie zur gesundheitlichen Wirkung von Rotwein zum Beispiel müsste eine Gruppe der Probanden regelmäßig Rotwein konsumieren. Das wäre bedenklich.“ Auch die Kosten spielen eine Rolle. Denn einfache Beobachtungsstudien sind schneller und kostengünstiger umsetzbar.
Eine der wenigen großen randomisiert-kontrollierten Ernährungsstudien ist die spanische Predimed-Studie zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch eine mediterrane Diät. Sie startete 2003, ihre ersten Ergebnisse wurden 2013 veröffentlicht. Die Forscher hatten über fünf Jahre insgesamt 7000 Teilnehmer mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen begleitet. Die Freiwilligen waren in drei Gruppen eingeteilt:
Die erste Gruppe sollte neben einer mediterranen Ernährungsweise reichlich Olivenöl zu sich nehmen.
Die zweite Gruppe sollte im Rahmen der mediterranen Kost täglich mindestens 30 Gramm Nüsse verzehren.
Die dritte Gruppe diente als Kontrollgruppe und sollte sich fettarm ernähren.
Es zeigte sich, dass in der Kontrollgruppe mit 109 Fällen die meisten Herz-Kreislauf-Probleme wie Schlaganfälle auftraten. In der Olivenöl-Gruppe waren es 96 und in der Nuss-Gruppe 83. Das Ergebnis lautete demnach: Eine mediterrane Diät kann Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen.
Doch trotz des großen Aufwands, der betrieben worden war, geriet die Studie nach der Veröffentlichung 2013 in die Kritik. Sie musste zurückgezogen werden und kam erst 2018 überarbeitet wieder neu heraus.
Einer der Angriffspunkte war, dass das Protokoll für die Kontrollgruppe während des Versuchs geändert worden war und man einen Teil der Probanden nicht korrekt randomisiert hatte. Außerdem waren Teilnehmer im Lauf der Studie ausgeschieden, was die Ergebnisse verzerrt haben könnte. Und es wurde angezweifelt, ob sich die Probanden der Kontrollgruppe tatsächlich fettarm ernährt hatten.
Ein weiterer Kritikpunkt: Alle Teilnehmer der Predimed-Studie lebten in Spanien, also in einem Mittelmeerland. Es wäre daher nicht sicher, dass die Ergebnisse auch für Menschen in nicht-mediterranen Ländern gelten würden.
Doch trotz der berechtigten Kritik gibt es bis heute kein anderes Ernährungsmuster mit einem derart starken Hinweis auf einen kardiovaskulären Nutzen von Ernährung. „Das sind die besten Daten, die wir haben“, sagt Andreas Pfeifer. „Immerhin stimmen die Ergebnisse mit anderen Studien überein, laut denen eine mediterrane Diät gesund ist. Und sie passen auch zu Daten aus Ernährungsstudien, die ebenfalls besagen, dass Gemüse und pflanzliche Kost gesund sind.“
Bündeln und staatlich finanzieren
Für Lukas Schwingshackl wäre das Bündeln von Forschungsressourcen der erste Schritt zu besseren Ernährungsstudien. So könnten Ernährungsempfehlungen künftig auf einem stabileren Fundament stehen. „Haben erste Beobachtungsstudien gezeigt, dass eine Änderung in der Ernährung etwas bringen könnte, sollten weitere randomisiert-kontrollierte Studien angesetzt werden.“ Der Ernährungswissenschaftler denkt an eine Ernährung mit Vollkornprodukten, Obst und Gemüse, Nüssen und Hülsenfrüchten.
Andreas Pfeiffer sieht auch den Staat in der Pflicht: „In Medikamentenstudien investieren Pharmafirmen viel Geld. Bei der Ernährungsforschung müsste das der Staat übernehmen.“ Tatsächlich ist das bei einer aktuell laufenden Studie der Fall – und bei ihr werden auch viele Ressourcen gebündelt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert zurzeit die randomisiert-kontrollierte NurtriAct-Studie (Nutritional Intervention: Food Patterns, Behavior, and Products) mit 500 Probanden. Sie wird von der Berliner Charité zusammen mit einigen anderen Forschungseinrichtungen über drei Jahre hinweg durchgeführt.
Auch Andreas Pfeiffer ist daran beteiligt. „In der NutriAct-Studie vergleichen wir gesunde, relativ protein- und fettreiche pflanzenbetonte Kost – ähnlich der Mittelmeerkost, aber angepasst an den deutschen Geschmack – mit fettarmer Kost nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.“ Die Testgruppe mit der fettarmen Ernährung soll viel Obst und Gemüse essen, dazu Vollkornprodukte, zudem in Maßen Milchprodukte, mageres Fleisch und Fisch.
Erste Zwischenergebnisse liegen bereits vor. Demnach führe NutriAct-Kost zu weniger Leberfett und günstigeren Stoffwechselwerten, so Pfeiffer. „Im Idealfall müsste der Staat anschließend eine weitere Untersuchung mit 10.000 Teilnehmern finanzieren, damit wir belastbare Belege bekommen.“
Ein guter Weg zu fundierten Ernährungsempfehlungen sind Lukas Schwings-hackl zufolge Cochrane-Übersichtsarbeiten. Die Cochrane Collaboration ist ein Zusammenschluss von Ärzten und Forschern aus mehr als 130 Ländern. Sie durchforstet die Literatur nach Studien, um mittels Übersichtsarbeiten evidenzbasierte Aussagen zur Gesundheit zu treffen. Kürzlich wertete eine Übersichtsarbeit viele Studien zu Omega-3-Fettsäuren aus, die etwa in Fisch enthalten sind und als besonders gesund gelten. Das Ergebnis: Es gibt sichere Belege dafür, dass sich Herzerkrankungen und Schlaganfälle nicht durch die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren in Form von Nahrungsergänzungsmitteln verhindern lassen.
Zu trauen ist auch Empfehlungen, die unabhängige Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) aussprechen. Sie basieren auf aktuellen Studien. Und sie werden auf den neuen Stand gebracht, sobald weitere Studien vorliegen.
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