„Aufstieg und Fall einer Familie“, lautet der Untertitel bei Biermann, Schuler bleibt mit „Die Biographie einer Familie“ nüchterner. Dies trifft im übrigen für den gesamten Text zu. Zwar beginnen beide Autoren in dramatischer Manier mit dem Ende der Geschichte, dem plötzlichen Tod von Franz Josef Strauß während eines Jagdausflugs. Doch bereits hier zeigt sich, daß Biermann gewillt ist, tiefer in die journali-stische Trickkiste zu greifen. Sein Buch ist sensationeller aufbereitet – davon zeugen schon die Kapitelüberschriften, so etwa „Endkampf. Die Spiegel-Affäre“ (bei Schuler: „Die Spiegel-Affäre: Strauß stürzt“); auch hält er mit Ironie nicht zurück, bisweilen schlägt sie in Sarkasmus um. Beide Bücher kommen mit demselben Anspruch daher, beide stimmen in der Grundthese überein, und beide argumentieren auf derselben empirischen Grundlage.
Der Anspruch: Beide wollen den „ungekrönten König von Bayern“ in seine Zeit stellen und zugleich seinen „Clan“ untersuchen. Die Grundthese: In Bayern habe sich mit der Familie Strauß ein „Herrscherclan“ mit quasi-dynastischem Machtanspruch herausgebildet; dieses Erbe sei dann von den Strauß-Kindern Max Strauß und Monika Hohlmeier nahezu fahrlässig verspielt worden. Die Amigo- und Vetternwirtschaft, die Strauß aufbaute und die die Familie umspannte, konnte vom „Alten“ noch virtuos gehandhabt werden; seinen weniger befähigten Kindern wurde sie zum Verhängnis. Die empirische Grundlage: Zeitungsausschnitte, geringfügige Archivrecherchen (vieles ist aber auch noch nicht zugänglich), vor allem aber zahlreiche Gespräche mit Freunden, Weggefährten und Angehörigen der Familie Strauß – wobei hier offenbar Konflikte nicht ausblieben, jedenfalls deutet Schuler dies an.
Wirklich neue Erkenntnisse können beide Autoren nicht liefern, dafür blieb ihnen zu viel verborgen, den Nachlaß des Politikers durften sie nicht einsehen. Auf die große Strauß-Biographie müssen wir noch warten. Sie erst wird klären, welche Ziele Strauß als Verteidigungsminister verfolgte, warum er in der „Spiegel-Affäre“ das Parlament belog, worauf die kongeniale Zusammenarbeit mit Karl Schiller während der Großen Koalition in den Jahren 1966 bis 1969 basierte, warum er die Ostverträge vehement ablehnte, später aber den Milliardenkredit für die DDR einfädelte, worauf sein Haß auf Helmut Kohl gründete, wie er es in Bayern schaffte, eine fast uneinnehmbare Festung für die CSU aufzubauen. Und: Ob der Weg der Strauß-Kinder tatsächlich durch den starken Vater vorgegeben war. Strauß selbst hat vor seinem überraschenden Tod an seinen Erinnerungen gearbeitet, die unvollendet vorliegen. Dank seiner unverblümten Sprache lernt man ihn und seine Ideen hier am besten kennen. Zwischen Biermann und Schuler geht es, je nach Geschmack, unentschieden aus: Die Speise, die sie zubereiten, ist dieselbe; Biermann würzt sprachlich schärfer, dafür scheint Schulers Komposition ausgewogener.




