Live-Schaltung zum Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg: In interdisziplinärer Zusammenarbeit suchen die Forscher nach neuen Chancen für eine Therapie bei Gehirntumoren. Im Deutschen Museum Bonn erläuterten die Experten ihre Methoden.
Es war nicht so lustig wie sonst. Diesmal ging es bei der Wissenschaft-live-Veranstaltung im Deutschen Museum Bonn sehr ernst zu. “Wir sprechen heute von einer Krankheit, die wie ein drohendes Schicksal über dem Patienten hängt”, sagte Moderator Ranga Yogeshwar zur Begrüßung. “Es geht um Tumore, besonders solche, die im Gehirn entstehen. Und wir fragen die Krebsforscher, was in den letzten 25 Jahren geschehen ist, seit es das DKFZ, das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg gibt.” Schülerinnen und Schüler des Städtischen Gymnasiums Schleiden hatten sich gut vorbereitet. “Ist diese Forschung eigentlich normale Wissenschaft?” wollte Hanne wissen. “Es geht hier doch mehr um Gefühle, viel weniger um nüchterne Fakten als in anderen Wissenschaften. Und im Hintergrund steht häufig der Tod.”
Das Stichwort griff Dr. Helmut Geiger auf, Präsident der Deutschen Krebshilfe: “Im Kampf gegen den Krebstod haben wir bis heute 1600 Projekte unterstützt. Es wurden Kliniken gebaut, Forschungsvorhaben und Klinikgruppen gefördert.” Prof. Dr. Wolfgang Schlegel, Leiter der Abteilung Medizinische Physik am Deutschen Krebsforschungszentrum ergänzt: “Die Krebsforschung ist ein vieldisziplinäres Gebiet. Hier arbeiten Mediziner, Physiker, Radiologen und viele andere gemeinsam. Ein Mittelpunkt ist die Strahlentherapie-Forschung.”
“Könnte das DKFZ ein Modell sein für Krankenhäuser oder andere medizinische Forschungsstätten?” fragte Yogeshwar. Über den Bildschirm antwortet Prof. Gerhard van Kaik aus Heidelberg, direkt aus dem Krebsforschungszentrum. Er ist dort Sprecher des Forschungsschwerpunkts Radiologische Diagnostik und Therapie: “Ja, es könnte ein Modell sein für moderne medizinische Forschung generell. Wir kommen nur weiter, wenn wir ganz stark interdisziplinär zusammenarbeiten.”
Das Interesse in der Bevölkerung an Fragen zum Krebs ist äußerst hoch. Seit über zehn Jahren gibt es den Krebsinformationsdienst, “der sehr stark frequentiert wird”, wie van Kaik sagte. “Man kann sich auch über das Internet informieren: httP://www.krebsinformation.de.Doch man sollte immer bedenken, daß der Informationsdienst nicht den Arzt ersetzt.”
“Was ist denn eigentlich Krebs?” fragte Yogeshwar nun die Schüler. “Eine unkontrollierte Zellwucherung, ein hemmungsloses Zellwachstum”, kam die Antwort von mehreren Seiten. Prof. Ottmar D. Wiestler, Direktor des Instituts für Neuropathologie der Universitätskliniken Bonn, ergänzte: “Jedes menschliche Gewebe kann von Krebs betroffen sein, deswegen ist dieser Forschungsbereich so groß. Manche Gewebe sind besonders anfällig, zum Beispiel von Lunge, Brust, Magen oder Darm. Das Gehirn ist weniger oft befallen, aber ein Tumor im Gehirn ist die heimtückischste Form von Krebs.” “Wie groß sind die Heilungschancen?” fragte ein Schüler. “Nach 25 Jahren Forschung muß sich doch was getan haben.” “Hat es auch”, bestätigte Dr. Geiger, etwa bei der Leukämie. Drei Viertel der leukämiekranken Kinder werden heute gerettet, früher starben alle. Bei Bauchspeicheldrüsen- oder Lungenkrebs ist die Erfolgsrate jedoch geringer.”
“Merkt man es, wenn man einen Gehirntumor hat?” wandte sich Yogeshwar an die Schüler. “Man spürt einen Druck im Gehirn, hat Kopfschmerzen”, sagte eine Schülerin, “und es kann zum Beispiel zu Sprachstörungen kommen, wenn der Tumor in der Nähe des Sprachzentrums sitzt.”
“Kann man am Sympton erkennen, wo der Tumor sitzt?” fragte ein Schüler die Experten. “Nein”, erklärte Wiestler, “man spürt nur den vergrößerten Druck im Kopf. Das Gehirn ist sehr kompliziert aufgebaut, mit vielen Zellarten – und jede Art kann einen eigenen Tumor entwickeln. Das macht die Sache so schwierig.”
Die Computer-Tomographie, abgekürzt CT, hat sich zu einer der wichtigsten Diagnosemethoden entwickelt. Sabine Kuhn, Radiologie-Assistentin am DKFZ, zeigte nun via Bildschirm, wie der Zivildienstleistende Danny einen Patienten darstellt, der für eine Computer-Tomographie vorbereitet wird. Für die spätere Strahlentherapie wurde schon jetzt eine Maske angefertigt, die fest am ganzen Kopf anliegt, damit bei Diagnose und bei Bestrahlung stets eindeutig die gleiche Lage des Kopfes eingehalten wird. “Bekommt man unter der Maske nicht Platzangst?” fragte ein Schüler nach Heidelberg. “Ja”, bestätigte Danny, der sich in den CT schieben ließ. “Aber wenn ich überlege, daß dies für jemanden vielleicht der einzige Weg ist, wieder gesund zu werden …”
Aus den Röntgenbildern vom Kopf, die aus allen Richtungen aufgenommen werden, erläuterte Prof. Schlegel, errechnet der Computer einzelne Schichtbilder. Der Tumor gibt sich darin als heller Fleck zu erkennen, der sich räumlich exakt orten läßt.
Für die Diagnose hat sich seit einiger Zeit die Magnet- Resonanz-Tomographie (MRT) als noch bessere Methode etabliert. Dabei werden magnetische Eigenschaften der Wasserstoff-Atome in den Zellen zur Abbildung benutzt. Mit welcher Methode auch immer – es geht darum, ein möglichst präzises Bild vom Tumor zu erhalten. Nur so ist es möglich, bei der Strahlentherapie den krebsbefallenen Bereich mit höchster Genauigkeit zu zerstören, ohne das gesunde Gewebe in der Umgebung zu schädigen: Nur im Kreuzfeuer der Röntgenstrahlen wird der Tumor “verbrannt”. Das gesunde Gewebe wird jeweils nur von einem Strahl durchquert, der keinen Schaden anrichtet.
“Trotz aller raffinierten Methoden, die sich in den letzten 25 Jahren entwickelt haben, beherrschen wir den Krebs immer noch nicht”, bedauerte Yogeshwar. “Wie blicken Sie in die Zukunft?” “Hoffnungsfroh”, antwortete Geiger. “Wir haben noch lange nicht das Ende der Entwicklungen erreicht, um den Krebs in den Griff zu bekommen.”
Wolfram Knapp





