Ein spannender Western: Gangster verfolgen eine Kutsche und kommen ihr, wild um sich schießend, näher und näher. Der Kutscher treibt die Pferde zu äußerster Anstrengung an, die klapprige Karosse schwankt bedrohlich. Doch plötzlich scheinen die Räder des rasenden Gefährts stillzustehen – und dann drehen sie sich sogar rückwärts. Was ist passiert?
Schuld ist die Filmkamera: Sie macht von den extrem schnell rotierenden Speichen einfach nicht genügend Aufnahmen. Jeder Film besteht aus einer fortlaufenden Abfolge vieler Einzelbilder – bei aktuellen Kinoproduktionen sind es mindestens 24 pro Sekunde. Der Eindruck einer kontinuierlichen Bewegung wird nur dadurch hervorgerufen, dass das Gehirn die winzigen Pausen dazwischen mit einer Art von Nachbildern aus dem Kurzzeitgedächtnis füllt. Ähnlich wie bei einem Daumenkino: Ein bewegter Gegenstand befindet sich von Bild zu Bild an einer anderen Stelle, und die Zwischenstadien fügt unser Gehirn gemäß seinem Erfahrungsschatz hinzu. Nun sehen die Speichen der Räder aber alle gleich aus, das heißt, wir können sie nicht unterscheiden. Steht daher genau an der Stelle, an der sich auf Bild eins eine bestimmte Speiche befand, auf Bild zwei die benachbarte, so sieht es für uns aus, als stehe das Rad still.
Ein Beispiel: Nehmen wir an, ein Rad hat zwölf Speichen. Dann beträgt der Abstand zwischen ihnen exakt 30 Grad. Betrachten wir nun diejenige Speiche, die bei einer Aufnahme genau senkrecht steht und benennen sie mit A, während die links von ihr stehende B sein soll. Dreht sich das Rad mit der Geschwindigkeit nach rechts, bei der die Speichen zwischen den einzelnen Aufnahmen immer um genau 25 Grad vorrücken, so steht Speiche A bei Aufnahme zwei 25 Grad rechts von seiner vorherigen senkrechten Position, während Speiche B 5 Grad links davon angekommen ist. Das Auge versucht, die beiden Aufnahmen zu einer fließenden Bewegung zu verschmelzen und bevorzugt dabei automatisch die kleinere von zwei möglichen Änderungen. Das heißt, es betrachtet Speiche B, die sich nur 5 Grad neben der Senkrechten befindet, jetzt als Speiche A. Das sieht dann so aus, als drehe sich das Rad langsam rückwärts. Bewegt sich das Rad ein wenig schneller, sodass Speiche B bei der zweiten Aufnahme exakt senkrecht steht – also in der Position, die vorher Speiche A eingenommen hat –, so hat der Zuschauer den Eindruck, das Rad stehe still. Und nimmt die Geschwindigkeit weiter zu, sodass die Speichen zwischen den einzelnen Aufnahmen um 35 Grad vorrücken, so steht Speiche B bei Aufnahme zwei 5 Grad rechts von der Senkrechten, mit der Folge, dass sich das Rad für den Zuschauer langsam vorwärts, sprich: nach rechts, dreht.
Diese optische Täuschung nennt man auch „stroboskopischen Effekt“. Man kann das Phänomen nämlich nicht nur im Film beobachten, sondern auch, wenn man einen bewegten Vorgang mithilfe eines sogenannten Stroboskops betrachtet. Das ist ein Gerät, das regelmäßig Lichtblitze aussendet, wodurch bei dunkler Umgebung eine Bewegung als eine Abfolge stehender Bilder erscheint.





