Es gibt daher bis heute höchst unterschiedliche Möglichkeiten, den geschichtlichen Spuren der Teilung innerhalb der deutschen Hauptstadt zu folgen. Neben all den klassischen Zielen, wie dem Mauermuseum am Checkpoint Charlie oder dem Pariser Platz, bietet das neue Buch Michael Bienerts die Chance, einmal die weniger bekannten Orte entlang der ehemaligen Mauer kennenzulernen. Der Autor lädt seine Leser ein, ihn auf eine Reise zu unterschiedlichen „stillen Winkeln“ zu begleiten und zu erleben, „wo Geschichte und Gegenwart der Hauptstadt auf einzigartige Weise erfahrbar sind.“ Untermalt durch persönliche Erfahrungen und Episoden, vermittelt er einen Blick auf überraschend viele Nischen abseits der populären Plätze des Mauergedenkens. So beschreibt er unter anderem den ehemaligen Grenzübergang an der Bornholmer Straße und die dort bereits 1896 gegründeten und bis heute bestehenden Laubenkolonien. „Weder der Mauerbau noch der Mauerfall konnten daran etwas ändern. Ein Volk von Hobbygärtnern protestiert hier seit hundert Jahren mit Spaten, Rechen und Gartenschere gegen alle Zumutungen der großen Politik.“ Manches Mal verleitet Michael Bienert trotz des ernsten Themas sogar zum Schmunzeln – beispielsweise während eines Berichtes über den seiner Meinung nach elegantesten erhaltenen Wachturm Berlins in der Erna-Berger-Straße, den mittlerweile die Tauben und Spatzen eingenommen haben. Tiere, denen die Trennung ihres Lebensraumes stets egal war. „In der gespaltenen Stadt flogen sie einfach über die Grenze, wann sie Lust dazu hatten.“ Anhand seiner Beschreibungen und Beobachtungen werden auch scheinbar unwichtige geschichtliche Episoden sowie Verdrängtes und Vergessenes wieder sichtbar und bleiben somit im kollektiven Gedächtnis, nicht nur der Berliner Bevölkerung, erhalten.
„Stille Winkel“ zu erkennen und zu erleben – das ist neben Berlin natürlich auch noch an vielen anderen Orten der Welt möglich. Daher gehört dieses Buch in eine kleine Reihe des Ellert & Richter Verlages, die zur Neuentdeckung, zum Beispiel von Hamburg, Dresden, München oder auch des Jakobsweges einlädt.
Rezension: Heinz, Simone




