Mancher scheinbare medizinische Fortschritt entpuppt sich näher betrachtet als Rückschritt. Dies könnte auch auf die zweite Generation der sogenannten Stents zutreffen – Gefäßstützen, die die Blutversorgung des Herzens verbessern sollen. Denn nach aktuellen Studien sterben mit den neuen Implantaten mehr Menschen als mit den einfacheren Vorgängermodellen.
Durch Ablagerungen verengte Herzkranzgefäße sind die Vorboten eines Herzinfarkts. Bis in die Neunzigerjahre hinein waren aufwendige Bypass-Operationen oft die einzige Möglichkeit, die Durchblutung des Herzens zu verbessern. Die damals aufkommenden Stents revolutionierten die Herzchirurgie. Die Drahtgeflechte werden einfach per Herzkatheter durch einen Schnitt in der Leiste bis zum Herz vorgeschoben. Mit einem aufpumpbaren Ballon dehnen die Kardiologen die Engstelle auf und entfalten dann einen Stent, um das Gefäß zu stabilisieren. Das Problem der ersten Generation: Der Fremdkörper reizt das umgebende Gewebe zum Wuchern an. Bei jedem dritten Patienten setzen sich diese Stents langsam wieder zu und müssen bei einem weiteren Eingriff erneuert werden. Doch seit etwa vier Jahren gibt es Gefäßstützen, die mit Medikamenten beschichtet sind. Sie unterdrücken die Gewebewucherungen, sodass nur noch zehn Prozent der Stents durch sie verstopfen.
In den USA und der Schweiz haben die beschichteten Stents ihre Vorläufer mittlerweile fast komplett abgelöst. In Deutschland ist allerdings erst jeder dritte der jährlich 130 000 eingesetzten Stents beschichtet. Vor allem deshalb, weil die neuen Gefäßstützen noch nicht zu den Regelleistungen der Krankenkassen gehören und jedes Einsetzen einzeln beantragt werden muss.
Zwar schimpfen Kardiologen, Patienten- und Industrievertreter schon lange über die „Verweigerung moderner Medizin”, aber neue Langzeitstudien lassen die Vorbehalte gegen die mit 2500 Euro etwa dreimal so teureren Stents durchaus berechtigt erscheinen. Als beispielsweise die Arbeitsgruppe von Matthias Pfisterer an der Universität Basel 746 Patienten bis zu 18 Monate lang nach dem Eingriff beobachtete, stellten die Forscher fest: Mit den beschichteten Stents kam es öfter zu Problemen wie Herzinfarkt oder Herztod (4,9 Prozent) als mit den herkömmlichen Modellen (1,3 Prozent). Wahrscheinlicher Grund: Die Hemmstoff-Beschichtung verhindert zwar, dass die Stents langsam zuwuchern, aber sie führt auch dazu, dass die Gefäßstützen nur sehr langsam ins Gewebe einwachsen. Das erhöht die Gefahr, dass sich an der Metalloberfläche Blutgerinnsel (Thrombosen) bilden, die den Stent verstopfen. Zwar bekommen die Patienten stets sechs Monate lang Medikamente, die die Blutgerinnung verlangsamen, aber dies reicht möglicherweise nicht aus. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) plädiert deshalb „für einen bedachten und zurückhaltenden Einsatz” der neuen Stents und eine längere Behandlung mit Gerinnungshemmern.
Doch vielleicht hat sich die Frage nach beschichteten oder unbeschichteten Stents schon bald erledigt. Denn die nächste Generation wird bereits bei Herzpatienten getestet: Die neuen Stents bestehen aus Magnesium-Legierungen, die sich von selbst auflösen, wenn sich das aufgedehnte Blutgefäß wieder gefestigt hat. Ulrich Fricke
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Carola Halhuber
Bypassoperation, Ballondilatation, Stents
Trias, Stuttgart 2006 € 24,95
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