Komplexbeladen, aufsässig und erotomanisch, zugleich stets begierig nach Anerkennung, war er sein Leben lang auf der Suche nach sich selbst. Man weiß dies aus einer Fülle von Selbstzeugnissen, die vor allem in seinen (oft verschlüsselten) Tagebüchern vorliegen. Aufgrund dieser Quellen liegt es nahe, eine psychologische Biographie über ihn zu ver‧fassen, wie sie für unseren Sprachraum jetzt aus der Feder von Johannes Willms, einem profunden Kenner der Geschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert, vorliegt.
Der Autor lässt dabei kein erotisches Detail aus, keine Liebeswerbung – ob erfolgreich oder nicht – kein kurzes oder dauerhafteres Verhältnis wird übergangen. Die eingehenden, überaus lebendigen Beschreibungen sind aber nur auf den ersten Blick pornographisch, vielmehr werden sie herangezogen, um den psychischen Tiefen eines großen Autors beizukommen, die sein literarisches Schaffen auslösten und speisten.
Daneben wird aber auch das Wirken Stendhals als Verwaltungsbeamter unter Napoleon, dessen Russland-Feldzug er hautnah miterlebte, sowie als Konsularbeamter der Juli-Monarchie im Kirchenstaat nachgezeichnet, ebenso seine Begeisterung für Italien, für dessen Kultur und: für dessen Frauen. Seine Lieblingsstadt war und blieb Mailand: In seinem Grabspruch gab er sich als Mailänder aus, der „gelebt, geschrieben und geliebt“ habe.
Das Buch ist glänzend geschrieben und nicht nur die Biographie eines Großen in der Weltliteratur, sondern zugleich auch ein gesellschaft‧licher Spiegel Frankreichs, vor allem der Hauptstadt Paris mit ihrem Salonleben zwischen der Zeit Napoleons und dem Ausklang der Juli-Monarchie. Wer sich mit Stendhal eingehender befassen will, der wird künftig an diesem Buch nicht vorbeikommen, und wer die Entwicklung Frankreichs im genannten Zeitraum besser verstehen will, erst recht nicht.
Rezension: Prof Dr. Michael Erbe




