Frühling 1843. Der erste englische Versuch, Afghanistan einzunehmen, ist soeben kläglich gescheitert, und man hat beschlossen, das Land seinem alten König zu überlassen. Nach zweieinhalbjährigem Exil in Britisch-Indien bereitet sich der afghanische Monarch auf die Rückkehr nach Afghanistan vor. Rein äußerlich scheint Amir Dost Muhammad Khan den Engländern die Zerstörung, die sie über sein Land gebracht haben, nicht nachzutragen. Vielmehr verleiht er seiner Verwunderung darüber Ausdruck, was das wohlhabende britische Imperium dazu verleitet haben könnte, sich die Region am Hindukusch einzuverleiben. “Ich habe viel von Ihrer Regierung hier in Indien gesehen,” sagt er zum General-Gouverneur beim Abschied. “Die britischen Festungen, Waffen und Schiffe sind alle bewundernswert. Ich bin nach Kalkutta gereist und war beeindruckt von dem Reichtum Ihrer Paläste und Märkte. Aber was mich am meisten erstaunt, ist die Frage, wie eine so weise und mächtige Nation wie die Ihre darauf kommen konnte, Kabul einzunehmen, ein Land, das doch nichts als Felsen und Steine zu bieten hat.”
Die Bemerkung des Amirs spiegelt nicht nur eine gewisse Genugtuung über das Scheitern der Engländer in dem unwegsamen afghanischen Terrain wieder. Sie deutet auch auf seine eigenen Schwierigkeiten, seinen Herrschaftsanspruch gegen lokale Stammesgefolgschaften durchzusetzen und eine funktionierende Verwaltung aufzubauen. Dabei ist der Ausdruck “Kabul” für das Hoheitsgebiet des Amirs präzise gewählt. Zur Zeit des britischen Einmarschs hatte Dost Muhammad Khan sich gerade mühselig die Region um Kabul sowie die östlichen Städte Jalalabad und Ghazni untertan gemacht. Der moderne Staat Afghanistan sollte erst zwischen 1843 und 1863 mit weiteren Eroberungen des Amirs Umrisse erhalten. Die endgültige Gestalt entstand mit den Grenzziehungen, die zwischen 1872 und 1896 unter britischer und russischer Regie ausgeführt wurden.
Im gleichen Zeitraum entwickelte sich der Begriff Afghanistan, “Land der Afghanen”, als staatspolitisches Konzept. In den britischen Vertragstexten des 19. Jahrhunderts wurden die afghanischen Herrscher anfangs noch als “King of Cabool” tituliert. Seit der Mitte des Jahrhunderts bezeichnete “Afghanistan” jedoch zunehmend das gesamte Gebiet zwischen britischer, russischer und iranischer Einflußsphäre. Innerhalb des Landes hatte diese Bezeichnung aber eine viel engere Bedeutung, denn “Afghane” bezog sich nur auf die Paschtunen. Verbunden mit dem Hegemoniestreben der paschtunischen Könige bewirkte dies, daß gerade die gewaltsam eingegliederten nicht-paschtunischen Gruppen kaum in Versuchung kamen, sich mit dem entstehenden Staat zu identifizieren; sie waren vielmehr bestrebt, den Kontakt mit der Regierung und den Impulsen, die von der Hauptstadt ausgingen, auf ein Minimum zu reduzieren.
Allerdings läßt sich die afghanische Geschichte nicht auf die Konfrontation zwischen Paschtunen und den anderen Bevölkerungsgruppen reduzieren. Für Amir Dost Muhammad Khan und seine Nachfolger war auch der paschtunische Gürtel im Osten und Süden des Landes zugleich Objekt und Hindernis ihrer Zentralisierungsversuche. Die Führerschaft dieser Stämme pochte auf historisch verbürgte Privilegien und focht die Legitimation der Herrscher von Kabul an. Hintergrund dieser Entwicklung waren zum großen Teil veränderte großpolitische Konstellationen. Noch im 18. Jahrhundert hatten die afghanischen Durrani-Herrscher ihre paschtunischen Stammesbrüder zu Partnern einer auf Expansion beruhenden Politik gemacht. Das damalige Staatswesen – eigentlich eine lose Stammeskonföderation – funktionierte dank einer schlichten Arbeitsteilung: Die westlichen Provinzen stellten Soldaten und die unterworfenen Gebiete im Osten zahlten Steuern. So brachten die paschtunischen Khane ihre Truppenkontingente ein und schöpften in regelmäßigen Feldzügen gemeinsam mit dem König die finanziellen Überschüsse der indischen Provinzen ab. Mit dem Fortschreiten des europäischen Imperialismus und dem Entstehen neuer Regionalmächte verlor dieser Mechanismus im 19. Jahrhundert seine Wirksamkeit. Fortan beschränkte sich der Aktionsradius der afghanischen Könige auf das Landesinnere und die mageren Überschüsse, die dort zu holen waren. Wie mühsam der Prozeß der Steuererhebung war, läßt sich an Dost Muhammad Khans Aussage ablesen, er komme sich vor wie ein hungriger Fuchs, der vergebens darauf warte, einem der berühmten afghanischen Fettschwanzschafe könnte dieser nahrhafte Körperteil ab- und ihm anheimfallen…




