„Der Lotse geht von Bord” – wer kennt sie nicht, diese zweifellos bekannteste und meistreproduzierte Karikatur des 19. Jahrhunderts, die den Abschied Bismarcks als Reichskanzler am 20. März 1890 symbolhaft festhält. Die Zeichnung John Tenniels erschien am 29. März 1890 im Londoner “Punch”, der bedeutendsten satirischen Zeitschrift Europas. Als Standardillustration in Schulbüchern und populären wie wissenschaftlichen Darstellungen hat sie ihrerseits Geschichte gemacht und unser Bild von dem bedeutenden Staatsmann beeinflußt.
Die ehrerbietige Würdigung des “Punch” ist allerdings nicht repräsentativ für die Aufmerksamkeit, die der deutsche Reichskanzler im “Punch” und in der englischen Karikatur erfuhr. So reagierten die englischen Zeichner auf die Politik Bismarcks in der Regel nur dann, wenn englische Interessen berührt wurden. In manchen Jahren findet sich unter den Hunderten von Karikaturen eines Jahrgangs nicht ein einziger Hinweis auf den preußischen und deutschen Regierungschef. Auf einer Reihe von Zeichnungen, etwa noch 1871, ist er nur eine von mehreren Hauptfiguren. Stärker ins Blickfeld rückte er dagegen 1878, im Jahr des Berliner Kongresses, oder Mitte der 80er Jahre, als Deutschland die ersten Kolonien erwarb.
Die Hochachtung vor dem politischen Lebenswerk Bismarcks und die Anteilnahme an dessen Schicksal, die im Lotsenbild erkennbar werden und die sich atmosphärisch auf viele Schülergenerationen übertragen haben, waren auch nicht unbedingt typisch für den Stil und die Tendenz der ausländischen Karikaturen überhaupt. Die dominierende Rolle Bismarcks in der europäischen Politik stand für fast alle Zeichner außer Frage. Insbesondere auf den beliebten, großformatigen humoristisch-satirischen Europakarten des “Papagallo” (Papagei) in Bologna gab Bismarck bereits 1871 den Ton an – freilich noch in engem Verbund mit Kaiser Wihelm I. Auf einem vergleichbaren Entwurf für 1877 beherrschte er als der große Zauberer endgültig die politische Bühne Europas.
Doch in der satirischen Presse des Auslands überwogen die kritischen Töne, die von Mißtrauen, Angst und Abneigung gegenüber dem Machtpolitiker von “Eisen und Blut”, dem angeblichen Verfechter des Grundsatzes “Gewalt vor Recht”, dem Nationalisten mit dem unersättlichen Expansionsdrang geprägt sind. Vor allem der Deutsch-Französische Krieg und die Reichsgründung haben die Karikaturisten in ganz Europa auf den Plan gerufen. Freundlich waren deren Zeichnungen und Kommentare nicht.
Die französischen (und belgischen) Zeichner stehen mit ihren unversöhnlichen, großformatigen Kampfbildern von 1870/71, die Napoleon III., Wilhelm I. und Bismarck als blutgierige Kriegstreiber und “Genien des Todes” zeigen, nicht allein. Ihre skandinavischen Kollegen konnten die dänische Niederlage von 1864 ebensowenig verwinden, wie die Polen die Haltung Bismarcks im polnischen Aufstand von 1863 und die Wiener Blätter die Demütigung von 1866. Der Kulturkampf und das Sozialistengesetz von 1878 verstärkten nur noch das Mißtrauen und die Vorurteile gegenüber dem preußisch-deutschen Militärstaat und dem Machtpolitiker Bismarck. Besonders aufmerksam und kritisch verfolgten die Wiener satirischen Blätter (“Figaro”, “Floh” und “Kikeriki”) in jenen Jahren die Politik des Reichskanzlers. Selbst beim Abschied und beim Tod Bismarcks reagierten zahlreiche satirische Kommentatoren im Ausland schadenfroh und hämisch. Die Spott- und Zerrbilder des Auslands haben fraglos bei den europäischen Nachbarn die Stereotypen, Ressentiments und Feindbilder entstehen lassen und verstärkt, die bis in unsere Tage hinein Ängste wecken.




