Ein fünfjähriges Kind sitzt auf dem Schoß seines Vaters. Es trägt ein rotes T-Shirt, Shorts, die halblangen blonden Haare fallen ihm ins Gesicht. „Au!“, ruft das Kind, als eine Arzthelferin ihm Blut aus der Fingerkuppe abnimmt, dann jammert es noch ein bisschen vor sich hin.
Diesen Videoclip, 58 Sekunden lang, zeigten der Psychologieprofessor Lindsey Cohen von der Georgia State University und sein Team 183 Studierenden. Dann baten sie die eine Hälfte von ihnen anzugeben, wie stark sie die Schmerzen der kleinen Samantha einschätzten. Die andere Hälfte fragten sie, wie stark die Schmerzen des kleinen Samuel gewesen seien. Das Ergebnis der 2014 veröffentlichten Studie: Auf einer Skala von 1 bis 100 wurden Samuels Schmerzen im Durchschnitt bei 65,15 eingeordnet, die von Samantha nur bei 58,75, also als signifikant schwächer – dabei hatten alle Teilnehmenden dasselbe Video desselben Kindes gesehen.
Wie stark unsere Schmerzen sind, beeinflusst, welche Diagnosen, welche Behandlung, welche Medikamente wir bekommen. Aber Schmerz ist eine subjektive Erfahrung. Es gibt keine objektive Methode, ihn zu messen. Will eine Ärztin wissen, wie stark die Schmerzen eines Patienten sind, kann sie ihn nur danach fragen oder – wie die Studierenden in Cohens Experiment – Schlüsse aus seinem Gesichtsausdruck, seinem Verhalten ziehen. Wie Ärzte und Pflegepersonal unseren Schmerz behandeln, hängt also einerseits davon ab, wie wir ihn kommunizieren – und andererseits davon, wie sehr sie unseren subjektiven Angaben vertrauen. Beides kann von Rollenbildern und Geschlechterstereotypen beeinflusst sein.
Cohen forscht viel zu Schmerzen von Kindern. Er kannte verschiedene Studien, die zeigten, dass Frauen sensibler auf Schmerzreize reagieren als Männer und dass dabei sowohl biologische als auch soziale Faktoren eine Rolle spielen. Er wusste aber auch, dass solche Studien bei Kindern vor der Pubertät kaum bis keine Geschlechterunterschiede gezeigt hatten. Und er hatte selbst eine kleine Tochter, Liv. „Sie hatte immer eine Kappe auf, hat sich geweigert, Kleider zu tragen“, erzählt Cohen. „Die Leute wussten oft nicht, ob sie ein Mädchen oder ein Junge ist.“ Das brachte Cohen auf die Idee zu seinem Experiment. Der Vater und das Kind in dem Video, das sind Lindsey und Liv Cohen.
Sein Fachartikel ist einer von vielen, die darauf hindeuten, dass unsere Urteile über Schmerzen von Genderstereotypen geprägt sind: da das weinerliche Mädchen, dort der stoische Junge, der sich seine Schmerzen nicht anmerken lässt. „Offenbar denken die Menschen: Wenn ein Junge so weint, muss er wirklich große Schmerzen haben. Oder: Ein Mädchen, das so weint, naja, so schlimm können ihre Schmerzen nicht sein“, so Cohen.





