von KATJA MARIA ENGEL
Als der erste Osedax auf dem Meeresboden entdeckt wird, ist das ein reiner Zufall. Der Meeresforscher Robert C. Vrijenhoek war vor der Küste Kaliforniens eigentlich auf der Suche nach Tiefseemuscheln. Doch als er am 6. Februar 2002 seinen Tauchroboter auf den Meeresboden schickt, findet der in 3.000 Meter Tiefe auf dem Grund des unterseeischen Monterey Canyon noch etwas ganz anderes als Muscheln. Ein Grauwal war verendet auf den Meeresgrund gesunken – und nicht nur Krebse und Kraken nagten an den Überresten. Auf den Knochen erblickt der Forscher einen merkwürdigen, wogenden, dichten Bewuchs. Wie ein flauschiger rosa Flokati-Fussel-Teppich bedecken unzählige kleine wimmelnde rote Würmer die Kadaverknochen. Weil er nicht weiß, was er da gefunden hat, schickt er die Würmer an Greg W. Rouse, Meeresbiologe und Professor an der Scripps Institution of Oceanography. Dem Experten für Meereswürmer ist schnell klar, dass es sich um eine ganz neue Gattung handelt. Zwei Jahre später erhält sie den Namen Osedax (aus dem Lateinischen von os für Knochen und edax für gefräßig): knochenfressender Wurm.
Nur die Frauen fressen
Hinzu kommt, dass es sich bei den Osedax nicht nur um eine völlig neue Gattung handelt, sondern dass es allesamt Weibchen waren, die sich so wuselig auf den Knochen am Meeresgrund tummelten. Nur sie haben den besonderen Kniff drauf, die Knochen auszusaugen. Zu sehen ist von ihnen an der Oberfläche nur der Rumpf: eine einige Zentimeter lange gelatinöse Röhre. Denn die weiblichen Würmer graben sich mit einer Art Wurzelgeflecht tief in den Walknochen hinein.
Die winzigen Männchen sind so gut wie unsichtbar. Das liegt nicht nur daran, dass sie mit 0,2 bis 1 Millimeter Länge extrem klein sind. 30 bis 600 von ihnen leben wie in einem männlichen Harem versteckt in der Schleimröhre der Weibchen und nehmen am Knochenmahl gar nicht teil. Sie fressen überhaupt nicht. Dieser Geschlechtsdimorphismus – also das unterschiedliche Aussehen von männlichen und weiblichen Exemplaren – ist bei den Osedax so extrem, dass die Männchen zunächst sogar für in der Schleimröhre gehortete Spermien gehalten wurden.
„Das ist ein extremes Beispiel matriarchaler Tiere“, sagt Ekin Tilic vom Senckenberg Forschungsinstitut. „Es ist halt superpraktisch, da Tiere in der Tiefsee nur schwer aktiv auf Partnersuche gehen können.“ Und weil verendete Wale am Meeresgrund selten gefunden werden, blieben auch die Osedax – insbesondere die Männchen – lange unentdeckt. Rätselhaft war bis vor Kurzem, wie sich die winzigen Männchen überhaupt entwickeln.
Tiere aus der Tiefe
Ekin Tilic forscht schon seit Jahren an der Larven- und Organentwicklung der Osedax. Zusammen mit Katrine Worsaae, Zoologin an der Universität in Kopenhagen, und anderen Forschenden veröffentlichte er 2024 seine Beobachtungen zur Entwicklung der verzwergten Männchen. In der Fachzeitschrift Frontiers of Neuroscience schildert das Team, wie es zum ersten Mal gelungen ist, detailliert zu beschreiben, wie die Osedaxlarven und insbesondere die männlichen Tiere heranwachsen. Denn die Fortpflanzung der Osedax in ihrem Lebensraum zu beobachten, ist schwierig. „Es ist eine große Herausforderung, ein Tier aus der Tiefsee in einem Aquarium zu züchten und über eine längere Zeit am Leben zu erhalten“, sagt Tilic. Sein Kollege und Mitautor Norio Miyamoto der Japan Agency for Marine-Earth Science and Technology hatte für die Studie einen nicht ganz so tief lebenden Wurm, den Osedax japonicus, ausgewählt.





