Oft genug läuft es aber genau andersherum. Da entdeckt jemand etwas – und die Kollegenschaft reibt sich verwundert die Augen, warum das nicht schon viel früher aufgespürt wurde. So geschehen etwa bei den „kleinen RNAs“. Heute weiß man, dass die Zellen von Pflanzen und Tieren einen ganzen Zoo dieser kurzen RNA-Ketten aus meist 20 bis 40 Nukleotiden produzieren. Dass ihre Entdeckung erst in den 1990er-Jahren begann, war umso erstaunlicher, als sich herausstellte, dass sie jede Menge Zellprozesse auf ganz entscheidende Weise mitsteuern.
Warum aber dieses „Spätzünden“ bei den kleinen RNAs? Weil die Forschung komplett auf die schon länger bekannten „großen Vettern“ fokussiert war – also Boten-, Transfer- und ribosomale RNA. Diese RNA-Moleküle bestehen aus deutlich längeren Nukleotid-Abfolgen und sind allesamt in den Prozessen der Proteinsynthese gemäß der Anleitung des genetischen Codes aktiv. Was bei ihrem ausgiebigem Studium methodisch passierte, war Folgendes:
Einfach davongeschwommen
Um diese bekannten RNA-Spezies isolieren und voneinander trennen zu können, entwickelten Spezialisten die sogenannte RNA-Gel-Elektrophorese – und optimierten sie gezielt auf möglichst feine Trennung im Massebereich großer RNA-Moleküle. Doch was bedeutete die derart standardisierte Technik für die vielen bis dato unentdeckten kleinen RNAs? Sicherlich trieben sie oft genug neben ihren großen Vettern im selben RNA-Extrakt herum. Doch kaum auf ein RNA-Standardgel aufgetragen, schwammen sie während der Trennprozedur dem Rest des RNA-Gemischs aufgrund ihrer geringen Größe davon. Und bevor die großen Exemplare sich im Gel richtig voneinander trennten, flutschten die kleinen RNAs vom Experimentator unbemerkt heraus. Oder der Gel-Lauf wurde vorher gestoppt, und die Signale der kleinen RNAs „ganz vorne“ im Gel wurden bloß als Bruchstücke der großen RNA interpretiert, entstanden während der Prozedur. Schließlich sind RNA-Ketten besonders empfindliche Makromoleküle – und gerade außerhalb der Zelle immer und überall von schnellem Abbau bedroht.
Das Problem war also die Standardmethode. Zum Standard wird eine Methode dann, wenn man sie in allen möglichen Zusammenhängen stets für den gleichen Zweck einsetzen kann – wie eben RNA-Extrakte unterschiedlichster Herkunft auftrennen und analysieren. So gesehen ist eine Standardmethode also etwas Sinnvolles, auch weil sie zuverlässig reproduzierbare Resultate produziert. Doch aus dem RNA-Beispiel wird klar: Es kann „Randgruppen“ geben, zu denen die Methode eben nicht passt – und die einem damit durch die Lappen gehen.
Natürlich haben solche Standardmethoden der Forscherwelt nicht nur bei den kleinen RNAs einen Streich gespielt. Nach dem gleichen Muster ist das auch anderswo passiert – und passiert bis heute. So spürte ein US-amerikanisches Forscherteam kürzlich eine große Gruppe von Viren auf, die massenhaft im Oberflächenwasser sämtlicher Meere treiben und dort jede Menge Bakterien killen. Kaum zu glauben, dass sie zuvor keiner entdeckt hatte. Und nachvollziehbar, dass die Entdecker ihnen den Namen Autolykiviridae gaben – nach dem Meisterdieb Autolykos aus der griechischen Mythologie, der wegen seiner Gerissenheit nur schwer zu fangen war.





