Obgleich er “der Geschützfrage noch einiges Inter-esse zolle, so muß ich Ihnen doch bemerken, daß ich im Allgemeinen den Wunsch hege, die Geschütz-Fabrikation einzustellen. Dieselbe ist an und für sich nicht besonders lohnend und in der Weise, wie ich sie bisher betrieben, indem ich auf Lieferung einiger Probestücke beschränkt blieb, gar unvortheilhaft und störend”, schrieb Alfred Krupp im Januar 1859 an seinen Pariser Vertreter Heinrich Haaß. Zu einem Zeitpunkt, als seine Firma schon weit über 1000 Mitarbeiter zählte und etwa 80 Millionen heutigen Geldes umsetzte, erwog er also sehr ernsthaft, die Fabrikation von Kanonen als eine kostspielige Sack-gasse aufzugeben. Ursprünglich habe er sie sowieso fallen lassen wollen, “nachdem der Zweck des Be-weises, was das hiesige Werk leisten könne, erreicht war und nachdem dadurch das Vertrauen zu meinen Werkzeugen des Friedens, auf deren Fabrikation mein Werk hingewiesen ist und für welche dasselbe vollauf Beschäftigung findet, vermehrt worden ist”. Knapp vier Monate später strich der preußische Prinzregent auf einer Bestellung von 72 in Spandau weiter zu verarbeitenden Gußstahlkanonenrohrblök-ken, die das Allgemeine Kriegsdepartement nach jahrelangen Bemühungen Krupps und seines Berli-ner Vertreters getätigt hatte, die Zahl 72 und schrieb darüber: 300. Das war ein gewaltiger Auftrag; er kam zustande vor dem Hintergrund des sich zuspit-zenden österreichisch-französisch-italienischen Kon-flikts, der Preußen naturgemäß nicht unberührt las-sen konnte. Nach vorausgegangenen kleineren Be-stellungen aus Belgien, Holland, Rußland und vor allem aus Ägypten war dies der Durchbruch. Angesichts des Riesenauftrags im Wert von 200000 Talern (etwa 20 Millionen heutigen Geldes)schlug “Kriegsmaterial”, das 1858 erstmals mehr als drei Prozent des Gesamtumsatzes erreicht hatte, nun mit 27 Prozent zu Buche und blieb nach einem Rück-gang auf etwa 10 Prozent Anfang der 1860er Jahre durchgängig ein erheblicher Posten. Außer aus Preußen gingen Großbestellungen zunächst vor al-lem aus Belgien und Rußland, aber auch aus Eng-land ein – Belgien orderte bis 1869 530, Rußland 1151 und England 347 Kanonen, während Preußen als Hauptabnehmer 2798 bestellte. Der Anteil der Rüstungsgüter steigerte sich von 30 Prozent (1863) auf 46 (1864) und 56 Prozent (1876/77); damit be-trug er über die Hälfte des inzwischen auf mehr als 41 Millionen (fast eine Milliarde heutigen Geldes) gewachsenen Gesamtumsatzes. Freilich, daß sich in den 1860er Jahren der Umsatz verachtfachte und die Zahl der Beschäftigten sich verfünffachte, war hier-auf weder ausschließlich noch auch nur hauptsäch-lich zurückzuführen: Auch ohne kriegs- und rü-stungsbedingte Aufträge hätte sich der Umsatz mehr als verfünffacht, so gut war die Auftragslage auch im nichtmilitärischen Bereich. Immerhin, über die europaweite Wirtschaftskrise von 1857/58 brachte der Großauftrag von 1859 das Unternehmen hinweg. Es konnte im Unterschied zu vielen anderen seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahr sogar noch etwas steigern – allerdings bei erheblich wachsenden und damit den Gewinn min-dernden Beschäftigtenzahlen, denn um den Auftrag pünktlich ausführen zu können, mußte man viele neue Arbeiter einstellen. Krupp hat das nicht nur hingenommen, sondern ausdrücklich begrüßt. Ihm ging es nicht in erster Linie um Gewinnmaximie-rung, sondern um Steigerung der Kapazitäten, um Expansion, um Investition in die Zukunft. Am 23. Februar 1863 notierte er quer über den Text eines Briefes: “Meine Ungeduld ist ein Crocodill, das läßt sich nicht bezähmen. Was im Reiche der Möglich-keit nicht liegt, darauf muß man verzichten. Was aber erreichbar ist, muß um so mehr beschleunigt werden.” Und am Ende: “So lange als ich lebe wer-de ich immer treiben.” Mit dieser Haltung und der finanziellen Unterstüt-zung von Teilhabern, die freilich über sein Ge-schäftsgebaren oft eher erschrocken waren, gelang ihm in den folgenden Jahren ein beispielloser Auf-schwung. An der Schwelle zur erstn Weltwirt-schaftskrise von 1873 beschäftigte die Firma 12000 Menschen und machte einen Umsatz von über 40 Millionen Mark…




