Beginnend mit den rechtlichen und sozialökonomischen Voraussetzungen, zeichnet die Dissertation den Auf- und Ausbau der sächsischen Gesetzgebung, der „guten Policey“, nach und bietet einen Einblick in die Arbeitsweise der Beamten. So wurden mithilfe von Verhören Krimineller sogenannte Gaunerlisten erstellt, die die Fahndung erleichtern sollten. Dabei wurde neben der Verwendung von Spitznamen auch gleichzeitig durch die Kategorisierung der „kleinen Leute“ in Verbrechergruppen eine Diskriminierung und Marginalisierung forciert. In diesem Zusammenhang beschreibt die Autorin auch Herkunft, Straftaten und die Täter selbst, die häufig in Familienbanden agierten und Wirtshäuser als Basis für ihre Diebstähle nutzten. Der Strafprozess gegen die Räuberbanden kann laut Gerstenmayer als Interaktion zwischen den Prozessteilnehmern und als soziale Selbsteinschätzung angesehen werden. Verschiedene Argumentations- und Verteidigungsstrategien treten hervor, die die Richter und Beamten milde stimmen sollen. Viele Delinquenten verwiesen auf ihr familiäres Umfeld oder ihre materielle Notlage. Auch Verhör und Folterpraktiken werden anhand von Prozessakten dargestellt.
Die mediale Darstellung der Banden und besonders der Räuberhauptmänner bildet das letzte Kapitel, das wohl noch ausführlicher sein könnte. Die vorhandenen Printmedien, wie Flugschriften, Zeitschriftenartikel und Totengespräche, gaben der lesenden Öffentlichkeit Abschreckungsbeispiele, konnten jedoch auch – sehr zum Verdruss der Obrigkeit – Bewunderung hervorrufen. Bildliche Repräsentationen sollten möglichst jeden Untertanen erreichen und die moralische Entwicklung des Verbrechers verfolgen. Vom uneinsichtigen Bösewicht bis zum Helden, ähnlich einem sächsischen Robin Hood, spannt Gerstenmayer den Bogen und ordnet die Kriminellen in verschiedene Kategorien ein.
Christina Gerstenmayer leistet mit ihrer umfangreichen Quellenauswertung einen wichtigen Beitrag zur landesgeschichtlichen Kriminalitätsgeschichte. Exemplarische Betrachtung einiger berühmter Räuberhauptmänner zur Veranschaulichung und eine Einordnung in einen größeren politischen Zusammenhang wäre wünschenswert gewesen.
Rezension: Christina Reich




