Sie trauten ihren Augen nicht. Die Biologinnen Jutta Schneider und Yael Lubin beobachteten kürzlich während einer Expedition in Namibia ausgewachsene Exemplare der Spinnengattung Stegodyphus, die sich an Spinnfäden hängend durch die Luft treiben ließen. Normalerweise geben nur die winzigen, wenige Milligramm schweren Jungspinnen aus ihren Spinndrüsen einen kurzen hauchdünnen Seidenfaden ab, um sich vom Wind davontragen zu lassen. Ein erwachsenes, immerhin 200 Milligramm schweres Spinnenweibchen müßte sich an einen Faden von mindestens 100 Meter Länge hängen – unmöglich, dachten die Biologinnen vom Zoologischen Institut der Universität Mainz und vom Mitrani Center of Desert Ecology, Israel. Um durch die Luft zu schweben, krabbeln die Weibchen der sozialen Spinne Stegodyphus dumicola an den Rand des Netzes und lassen zahlreiche, bis zu einen Meter lange Fäden aus ihren Spinndrüsen, die schließlich ein zartes seidenes Segel bilden. Nur wenn es windstill ist und sich die warme Luft in Thermikblasen vom Boden ablöst, lassen sie sich an ihm davontragen. Die Weibchen einer Kolonie teilen sich mit wenigen Männchen ein Netz. Dessen zentraler dichtgewebter Teil kann fußballgroß werden. Er ist von Wohnröhren durchzogen, in die sich die Spinnen zurückziehen, wenn es gerade nichts zu fressen gibt oder Gefahr droht. Das weit ausladende dreidimensionale Fangnetz kann ganze Baumkronen überziehen oder zwischen Bäumen ausgespannt sein. Ihre linsenförmigen Kokons hängen die Spinnenweibchen unter das Wohngespinst, wo die Eier vor Sonneneinstrahlung und Regengüssen geschützt sind. Nach einigen Wochen schlüpfen die winzigen Jungspinnen. Während die Männchen bald nach der Paarung sterben, wandern die Weibchen zu einem entlegenen Teil des Fangnetzes und gründen dort eine neue Kolonie. Ist das Netz aber zu dicht besetzt, und die Nahrung reicht nicht mehr für alle Insassen, so gehen manche Weibchen einfach in die Luft und gründen eine neue Kolonie.
Margit Enders





