Von Spartacus selbst und den anderen Aufständischen sind keine Selbstzeugnisse überliefert. Und auch die frühesten römischen Quellen für sein Wirken sind fast völlig verloren: Von dem einschlägigen Werk seines Zeitgenossen Marcus Terentius Varro ist nur ein halber Satz überliefert, von dem des eine Generation später schreibenden Gaius Sallustius Crispus sind es nur wenige Fragmente, und auch für das zwei Generationen später entstandene Geschichtswerk des Titus Livius sind aus den Büchern über die Zeit des Spartacus-Aufstands lediglich karge Inhaltsverzeichnisse erhalten. So können wir keinen direkten Blick auf Spartacus und seine Zeit werfen, sondern immer nur durch das Prisma späterer Zeiten blicken.
Die ersten umfangreicheren Zeugnisse stammen aus der römischen Kaiserzeit und präsentieren uns einen Spartacus, der erst Söldner, dann Soldat in römischen Diensten, Deserteur, Räuber, schließlich Gladiator (so der römische Autor Lucius Annaeus Florus) und am Ende ein erfolgreicher, freilich brutaler Feldherr gewesen sei: Der römische Historiker Appian von Alexandreia etwa berichtet in seiner in griechischer Sprache verfassten „Römischen Geschichte“, Spartacus habe 300 gefangene Römer vor seinem Marsch auf Rom dahinschlachten lassen. Später soll er gar befohlen haben, einen gefangenen Römer vor seinem Lager zu kreuzigen. Schließlich sei Spartacus doch besiegt worden und, von seinen Getreuen umringt, im Kampf gefallen.
Ganz anders der im 1./2. Jahrhundert n. Chr. schreibende griechische Philosoph Plutarch von Chaironeia in seiner Charakter-Biographie des römischen Feldherrn und Spartacus-Besiegers Crassus: „Er [Spartacus] war ein Thraker aus einem nomadischen Stamm und besaß nicht nur einen stolzen Sinn und große Kraft, sondern war auch durch Verstand und Güte besser als sein Stand und griechischer als seine Geburt.“ Dieser Spartacus hat nichts von der Brutalität, die in den anderen Quellen genannt wird; er opfert keine Menschen und kreuzigt keinen Römer, vielmehr leidet er unter der Ungerechtigkeit seines Herrn, erbeutet rasch richtige Soldatenwaffen, mit denen er die Gladiatorenwaffen ersetzt, und kämpft lange erfolgreich, bis er in seinem letzten Kampf allein gegen eine Vielzahl von Gegnern fällt. Anders als der von Plutarch sehr negativ charakterisierte Crassus erscheint Spartacus als dessen heldenhafter Gegenspieler – kurz: Für Plutarch ist Spartacus der bessere Grieche, der bessere Römer – und der bessere Zeitgenosse.
Plutarchs Werk ist keine streng historische Darstellung, sondern die Schilderung eines bewunderungswürdigen Charakters. Aufgrund seiner Anschaulichkeit und Charakterisierungsstärke fand es auch in der Neuzeit viele Leser – letztlich geht das neuzeitliche Spartacus-Bild vor allem auf Plutarchs Crassus-Biographie zurück. Diese hatte übrigens allen anderen Quellen gegenüber noch den Vorteil eines Details: Sie spricht von einer Ehefrau des Spartacus, einer thrakischen Stammesgenossin.




