Zu Beginn klärt er zwei grundsätzliche Probleme. Das erste lautet: Was ist Sozialgeschichte? Diese wird von Kaelble so breit definiert, dass sie eigentlich kaum etwas anderes als allgemeine Geschichte ist. Sie umfasst erstens die gesellschaftlichen Lebenslagen und Lebensführungen (Familie, Arbeit, Konsum, Werte, Religiosität, städtisches und ländliches Leben); zweitens die Vielfalt der sozialen Ungleichheiten und Hierarchien, nämlich die der Klassen und sozialen Milieus sowie die unter den Geschlechtern; und drittens befasst sie sich mit den Beziehungen, Verflechtungen und Gegensätzen zwischen Gesellschaft und Staat, den sozialen Bewegungen und Konflikten, den Medien und der politischen Öffentlichkeit, dem Sozialstaat, der Bildungspolitik, der Stadtplanung sowie der Gesundheitspolitik. Weil schließlich selbst noch die zwischenstaatlichen Transfers und Austauschbeziehungen beleuchtet werden, kommt sogar die Außenpolitik mit ins Spiel.
Das zweite, ebenso wichtige Problem lautet: Was ist Europa? Kaelble diskutiert zunächst knapp einige Sichtweisen, schlägt dann aber mit dem Blick auf Sprachprobleme eine pragmatische Lösung vor und klammert die Sowjetunion bzw. Russland sowie die Türkei aus.
Der Aufbau des Buches ist nicht chronologisch, sondern, wie es die ältere Sozialgeschichte vorgemacht hat, sachthematisch. Dies ist eine alte Schwierigkeit und führt zwangsläufig zu einigen Wiederholungen, weil jedes Mal die drei betrachteten Zeitabschnitte – die Boomjahre der 50er und 60er, die Krisenzeit der 70er und 80er und die Ära des Umbruchs nach 1989 – erneut durchschritten werden. Der komplizierte Gegenstand hätte zu einem schlimmen Wissenschaftschinesisch führen können; nicht so bei Kaelble, dem eine einfache, eingängige und stets um Erklärungen bemühte Sprache gelingt.
Alle europäischen Gesellschaften wandelten sich nach 1945 tiefgreifend; aber nicht alle in gleicher Weise. Die Spaltung Europas durch den Eisernen Vorhang war die beherrschende Divergenz, und diese umfassenden Systemgegensätze gruben sich in die Gesellschaft und Kultur Europas ein. Ein zweites Auseinanderdriften hatte ältere Ursachen, es war das zwischen dem reichen, industriellen Zentrum in der Mitte Europas und der ärmeren Peripherie; im äußersten Süden, aber auch im Osten, Westen oder Norden. Eine weitere Divergenz entstand zwischen einzelnen Gruppen von Ländern, besonders denjenigen, die den Kern der westeuropäischen Gemeinschaft bildeten. Dennoch meint Kaelble, dass die Annäherungen der europäischen Gesellschaften insgesamt wirkmächtiger seien als ihre Entfremdungen.
Was den Kontinent eint, erkennt man im Vergleich zu außereuropäischen Ländern deutlich: etwa, dass die Familie nach außen besonders stark abgeschirmt ist, dass Europa vom einstigen Auswanderungszum Einwanderungskontinent geworden ist, dass der Sozialstaat eine europäische Erfindung ist. Die Ansicht allerdings, dass Gewalt in Europa anders geregelt sei als in anderen Teilen der Welt, ja dass die Europäer eine starke Skepsis gegenüber dem Krieg entwickelt hätten – dies scheint, lauscht man dem europäischen Missklang in dieser Hinsicht und blickt man auf Nordirland oder den Balkan, diskussionsbedürftig.





