Auf knappem Raum schreitet Klingenberg zunächst sein Forschungsfeld ab: die römische Gesellschaft der ersten drei Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, von Augustus bis zu den Severern. Er umreißt die Parameter sozialer Hierarchie und stellt klar, dass Status und Einfluss zwei Größen waren, die nicht unbedingt miteinander im Einklang sein mussten. Herkunft, moralische Unbescholtenheit und Vermögen waren, wie Klingenberg zu Recht anmerkt, die entscheidenden Kriterien der Standeszugehörigkeit. Mit der Geburt in einen der ordines – der Ritter oder Senatoren – hatte man in Rom einen entscheidenden Startvorteil allen anderen gegenüber.
Wie man diesen Startvorteil verspielen und des Standes verlustig gehen konnte, ist Gegenstand des Hauptteils von Klingenbergs Untersuchung: Abstieg durch Vermögensverlust, Abstieg aufgrund moralischer Verfehlungen, Abstieg aus politischen Gründen – dies ist der Dreiklang des sozialen Scheiterns, das drohend wie ein Damoklesschwert stets über den Reichen und Mächtigen des römischen Imperiums hing.
Nicht nur die finanziellen Lasten, die mit Ämtern, ausufernder Munifizenz (Freigebigkeit) und standesgemäßer Repräsentation einhergingen, konnten einen Senator förmlich erdrücken. Auch ein moralischer oder politischer Fehltritt konnte eine vielversprechende Karriere vorzeitig beenden. Allzu selbstbewusstes Auftreten gegenüber dem Kaiser konnte einen Mann Amt, Würden und schließlich auch sein Leben kosten, wie Klingenberg am Beispiel des unter Vespasian hingerichteten Senators Helvidius Priscus demonstriert.
Angesichts der allgegenwärtigen Risiken überrascht nicht, dass sich das Sinnen und Trachten der römischen Oberschicht auf Bewahrung von Status und Rang über die eigene Generation hinaus richtete: indem man das Vermögen zusammenhielt, aber auch dadurch, dass man für die soziale Vernetzung der Kinder sorgte, vor allem durch standesgemäße Verheiratung.
Zu kurz kommt in dieser sonst rundum gelungenen Darstellung allenfalls die Ebene der lokalen Eliten. Die Dekurionen hat Klingenberg bewusst ausgeblendet, der Abstieg von Senatoren aber war eben doch die Kehrseite der Aufstiegsperspektive, die sich all jenen bot, die in ihrer Heimatgemeinde zu den oberen Zehntausend gehörten. Durch die Konzentration auf die Reichseliten entsteht unter Umständen das etwas zu einseitige Bild einer Gesellschaft mit festgefügten Ständen, in der Abstieg, und mithin soziale Mobilität, die Abweichung von der Norm war. Für unzählige Provinzialen, die zum Sprung in einen der ordines ansetzten, präsentierte sich die römische Gesellschaft ganz anders, als reiches Reservoir an Chancen und Möglichkeiten.
Rezension: Prof. Dr. Michael Sommer




