Nie aber hat sich jemand der Herkunftsfamilie von Sophie Scholl so intensiv und zugleich so sehr genähert wie die renommierte Sachbuchautorin Barbara Beuys. Erleichtert wurde dies vor allem durch ihre Auswertung des von der Schwester Inge Aicher-Scholl gesammelten und seit einem Jahrzehnt zugänglichen Materials: Die Familie, Eltern und fünf Kinder sowie deren Freunde korrespondierten ausgiebig miteinander, und davon blieb viel erhalten.
Ebendadurch entsteht ein Bild, das Begriffe wie „Ikone“ oder „Widerstandslegende“ schal erscheinen lässt. Ich habe noch nie ein so differenziertes Familienbild zu dieser Zeit gelesen – ganz unabhängig vom tödlichen Ende Hans und Sophie Scholls, die vom Volksgerichtshof im Februar 1943 verurteilt wurden. Manche Details wurden bereits publiziert, auch in einem Quellenband von Inge Jens (Frankfurt am Main 2005). In diesem Buch aber werden die Fami‧lienbeziehungen aus der Fülle von Briefen rekonstruiert und lebendig gemacht.
Wir bekommen das Elternhaus vorgestellt: die Mutter fromme Protestantin, der Vater religiös eher gleichgültig. Die Kinder – sensibel werden die Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede und Konflikte entwickelt – schlugen unterschiedliche Wege ein: Inge, die Schwester, und Hans wurden zu glühenden Nationalsozialisten und HJ-Funktionären. Das geschah durchaus gegen die Erziehung der El-tern – nicht nur der religiösen Mutter, sondern auch des Vaters, eines Steuerberaters und Wirtschaftsprüfers von liberaler Gesinnung.
Bei der Abwendung von der NS-Ideologie nimmt Beuys kein einzelnes Konversionserlebnis an, zeigt nur, wie verschiedene Konflikte mit den vom Nationalsozialismus genährten Erwartungen seit 1937 entstanden. Doch auch Sophie ging noch 1941 zum BDM. Für Sophie war ihre Religiosität und Gottsuche zentral, wie anhand der sich entwickelnden Liebe der Schülerin zu dem Berufsoffizier Fritz Hartnagel geschildert wird. Auch der jüngere begeisternde Katholik Otl Aicher spielte eine Rolle und stürzte Sophie wie auch die anderen Geschwister mit seinem „richtigen“ Glauben in heftige religiöse Kämpfe.
Die moralischen und grundsätzlichen Einwände gegen den Krieg und seine Unmenschlichkeit führten im Münchner Studentenkreis um die Geschwister Scholl zur Verteilung von aufklärenden Flugblättern. Die mit dem Tod endende Verhaftung jedoch war eher Dummheit und Leichtsinn geschuldet, wie Barbara Beuys plausibel macht. Das Buch zieht Leserinnen und Leser in einen Sog der Spannung und bietet Neues im Großen wie im Kleinen. Das ist der Person Sophie geschuldet, ebenso aber auch dem sensiblen Umgang der Autorin mit ihrer Heldin und den Zeugnissen der Zeit.
Rezension: Prof. Dr. Jost Dülffer




