Bei chemischen Verbindungen verhält es sich in der Regel ebenso. Kochsalz beispielsweise, bekanntermaßen hauptsächlich aus Natriumchlorid bestehend, ist und bleibt Kochsalz. Auch wenn kleine Mengen an Rieselhilfen beigemengt werden oder sich winzige Verunreinigungen im Salz finden. Und selbst wenn Sie ein paar Reiskörner in den Salzstreuer mit einquartieren in der Hoffnung, das Salz möge von seiner Hydrophilie lassen. Es wird trotzdem so aussehen und schmecken, wie Sie es von Kochsalz gewöhnt sind. Wo es eine Regel gibt, findet sich aber bekanntlich auch eine Ausnahme. Oder viele? Das weiß man leider nicht so genau. Denn was für Kochsalz gut ist, ist für andere Verbindungen längst nicht billig. Eine Forschungsgruppe aus Österreich und Deutschland hat jedenfalls entdeckt, dass alles ganz anders sein kann als erwartet, wenn man mit den beiden Elementen Americium und Terbium arbeitet.
Americium ist weitgehend unbekannt in der Bevölkerung und kein elementarer Publikumsliebling wie Kohlenstoff oder Sauerstoff oder Helium. Es steht im Periodensystem ziemlich weit unten. Was allerdings nicht als Wertung gemeint ist, sondern unter anderem bedeutet, dass es zu jenen Elementen gehört, die künstlich hergestellt worden sind. Denn Uran, das man vor allem aus der Kernspaltung kennt, ist das letzte Element, das man auch so in der Natur findet. Alles abwärts muss man sich basteln.
Viele der künstlichen Elemente zerfallen nach sehr kurzer Zeit. Mit denen kann man nicht so gut arbeiten. Manche, wie das Isotop Americium 241, haben allerdings eine Halbwertszeit von 420 Jahren. Nach fast einem halben Jahrtausend ist also erst die Hälfte der Atome zerfallen. Mehr als genug Zeit, um damit Chemie zu treiben. Und dabei hat man festgestellt, dass Americium seltsame Dinge anstellt, wenn niemand hinschaut. Was vor allem deshalb passiert ist, weil zum Hinschauen die Messinstrumente zur Zeit der Entdeckung noch nicht genau genug waren.
Ein Nichts mit großen Folgen
Ausprobiert hat man es in Kombination mit Terbium. Das ist ein Metall der Seltenen Erden, die rund um die Herstellung von Handyakkus weltweit bekannt geworden sind. Aber es ist gar nicht so selten. Der Name Seltene Erden hat rein historische Gründe. Wenn man dieses Terbium mit der Ordnungszahl 65 im Periodensystem mit verschwindend wenig Americium verunreinigt, dann benimmt sich Terbium plötzlich anders, als man es von ihm gewohnt ist. Und verschwindend wenig bedeutet in dem Fall tatsächlich fast nichts. Auf ein Teil Terbium kommt ein Milliardstel Teil Americium. 10–9, also „null Komma“ und dann acht Nullen und am Ende ein Einser. Aber dieses Nichts verändert das Bindungsverhalten von Terbium grundsätzlich. Normalerweise möchte sich Terbium nur mit Wasser verbinden, das reicht ihm. Der Rest muss sich nach einem anderen Partner umsehen. Mit Americium an der Seite wird es deutlich kontaktfreudiger. Der Einfluss eines einzelnen Americium-Atoms verändert die chemischen Eigenschaften einer Milliarde Terbium-Atome derart, dass sie sich verhalten, als hätte sich ihr Atomgewicht scheinbar verringert. Das Terbium rutscht damit im Periodensystem der Elemente quasi weiter nach vorne – genauer gesagt vor das Element 64, das Gadolinium. Das ist sehr ungewöhnlich.





