Physik kann gefährlich sein. Das hat die Welt beispielsweise mit der Entwicklung der Atombombe auf die harte Tour gelernt. Schon lange gibt es deshalb internationale Regelungen und Abkommen, um die Nutzung von Kernwaffen einzuschränken. Seit Kurzem sorgt man sich in der Verteidigungspolitik aber auch um die Gefahren eines anderen Forschungs bereichs der Physik: Quantentechnologien. Anfang dieses Jahres veröffentlichte die NATO eine „Quantentechnologiestrategie“, der zufolge „Quantentechnologien potenziell revolutionäre und disruptive Auswirkungen haben, die die Fähigkeit des Bündnisses zur Abschreckung und Verteidigung beeinträchtigen können.“ Quantentechnologien seien „ein Element des strategischen Wettbewerbs“, heißt es in dem Dokument. Folglich müsse die NATO ein „quantenbereites Bündnis“ werden. Einige Monate später berichtete das Magazin New Scientist, dass mehrere Länder – darunter Großbritannien, Frankreich und Kanada – nahezu identische Exportbeschränkungen für Quantencomputer mit mehr als 34 Qubits eingeführt hätten. Und auch die USA haben kürzlich ähnliche Regelungen bekanntgegeben.
Diese Entwicklung verärgert manche Wissenschaftler, weil sie darin eine unnötige Behinderung der Forschung sehen. Denn Fakt ist: Selbst mit einem Quantencomputer, der über 50 oder gar 100 Qubits verfügt, lassen sich keinerlei Berechnungen durchführen, die nicht auf einem regulären Computer besser, billiger und einfacher möglich wären. Um an einen Punkt zu kommen, an dem Quantencomputer tatsächlich praktische Vorteile gegenüber herkömmlichen Rechnern haben, braucht es deutlich mehr Qbits – und noch viel Forschung. Man kann jedoch spekulieren, dass der Sinn der Exportbeschränkung darin besteht, die Verbreitung hochentwickelter Quantentechnologien in Länder außerhalb des NATO-Bündnisses zu verhindern. Immerhin bestünde sonst die Gefahr, dass die Technologien dort analysiert und weiterentwickelt würden, bis sie tatsächlich gewinnbringend einsetzbar sind – und das womöglich für böse Absichten.
Sicherheitsrelevante Anwendungen
Und ja, es gibt solche bösen Absichten. Das am meisten diskutierte Risiko durch Quantencomputer besteht darin, dass sie zum Knacken kryptografischer Protokolle verwendet werden, die seit Jahrzehnten zur Sicherung nationaler Geheimnisse im Einsatz sind. Verschlüsselte Daten, die von ausländischen Geheimdiensten über Jahre gesammelt wurden, sich aber bislang nicht entschlüsseln ließen, könnten dadurch plötzlich lesbar werden.
Allerdings ist das nicht der einzige Grund, weshalb sich die NATO Sorgen machen könnte: Eine andere potenzielle Anwendung von Quantencomputern, die größeres Interesse auf sich gezogen hat, ist beispielsweise die Berechnung der Eigenschaften von Molekülen, ohne diese synthetisieren zu müssen. Für die Material- oder Arzneimittelforschung könnte dies ebenso nützlich sein wie für die Entwicklung besserer chemischer oder biologischer Waffen. Verschiedene Technologien aus dem Bereich der Quantensensorik könnten es hierbei zudem einfacher machen, die Eigenschaften solcher Materialien und Stoffe zu messen.





