von CHRISTIAN WOLF
Was haben Facebooks Mark Zuckerberg und der Tesla-Unternehmer Elon Musk gemeinsam? Beide träumen den Traum vom Gedankenlesen. Facebook kaufte 2019 das Start-Up CTRL-Labs. Die Firma tüftelt an der Entwicklung einer sogenannten Computer-Hirn-Schnittstelle, um Geräte wie Smartphones durch bloße Gedankenkraft bedienen zu können. Und Musk möchte mit seiner Firma Neuralink Gedanken aus dem Gehirn auslesen und unsere Zellen mit einem Computer kommunizieren lassen. Zu diesem Zweck soll ein Elektroden-Geflecht in das Hirngewebe von Menschen implantiert werden. Beide Vorhaben sorgten für ein großes Echo in den Medien. Doch ist es wirklich möglich, mithilfe von Technik an unser Innerstes zu gelangen: an die verborgenen und privaten Gedanken eines Menschen? Gilt bald nicht mehr, dass die Gedanken frei sind?
Kürzlich sorgte eine Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Nature Neuroscience unter Fachleuten und bei den Medien gleichermaßen für einiges Aufsehen. Forscher um den Informatiker und Neurowissenschaftler Alex Huth von der University of Texas at Austin hatten drei Probanden in einen Tomografen geschoben. Mittels funktioneller Magnetresonanztomografie registrierten sie die Aktivität der Neuronen im Gehirn, während die Freiwilligen über mehrere Sitzungen verteilt insgesamt 16 Stunden lang Geschichten lauschten. In den meisten Studien geht es derzeit nicht darum, aus Hirnaktivitäten zu rekonstruieren, was Probanden „ganz innerlich“ denken, sondern was sie gerade hören, sagen oder sehen.
Mit den Hirndaten trainierte das Forscherteam einen Decoder. Die Software bringt die Daten des Hirnscanners mit den aufgenommenen Sprachdaten der Geschichten statistisch in einen Zusammenhang. Das Ziel: Am Ende sollte der Decoder nur anhand der Hirndaten erkennen können, was die Probanden gehört hatten. Um die Leistungsfähigkeit des Decoders auf die Probe zu stellen, präsentierten sie den Probanden neue Geschichten.
„Mit dem Magnetresonanztomografen ist es sehr schwierig, schnelle geistige Vorgänge wie etwa die Sprache abzubilden“, sagt der Psychologe John-Dylan Haynes, Direktor des Berlin Center for Advanced Neuroimaging und Professor am Bernstein Center for Computational Neuroscience an der Charité Berlin. „Er macht ein Bild pro Sekunde.“ Zum Vergleich: „Wir erzeugen teilweise mehrere Worte pro Sekunde.“ Deswegen hätten die Forscher um Alex Huth einen Trick genutzt. Mithilfe eines Sprachmodells, das der bekannten Künstlichen Intelligenz ChatGPT ähnelt, haben sie die Zahl der möglichen Wortkombinationen auf solche eingegrenzt, die tatsächlich auch sinnvoll sind. Solche Sprachmodelle berechnen, welche Wörter und Sätze wahrscheinlich auf andere Wörter und Sätze folgen: Bei dem Satz „Die Frau liest ein …“ wäre es etwa recht wahrscheinlich, dass danach das Wort „Buch“ kommt. Auf diesem Weg kann man die Zahl möglicher Wörter und Sätze, die zu einem Hirnmuster passen, eingrenzen. Der Decoder kann dann aus den möglichen Phrasen die auswählen, die am wahrscheinlichsten mit den gemessenen Hirndaten zusammenpasst.





