Er liefert eine akribische Rekonstruktion des historischen Entstehungskontexts des „Mythos Bolívar“ und ordnet diesen überzeugend in die Konstruktionsprozesse neuer Nationalstaaten im Lateinamerika des 19. und 20. Jahrhunderts ein. Zeuske stellt den Wahrheitsgehalt manch einer Heldentat Bolívars auf den Prüfstand und weist auf die Leerstellen und inneren Widersprüche der nationalistischen, auf Bolívar fixierten Meistererzählung der venezolanischen Geschichte hin.
So bezweifelt der Autor beispielsweise auf der Basis einleuchtender Quellenkritik die Glaubwürdigkeit eines zentralen Elementes des Bolívar-Mythos: seine Begegnung mit Alexander von Humboldt 1804. Auch die angeblich so enge und geschichtsträchtige Freundschaft der beiden bestreitet er. Zeuske stellt die unterschiedlichen Varianten des Bolívar-Mythos vor: vom national-konservativen Diskurs über die fortschrittlich-liberale Deutung bis hin zum oral tradierten volkstümlichen Bolívar-Kult, aus dem sich im Zug eines spannend nachgezeichneten Rezeptionsvorgangs auch eine marxistische und die chavistische Lesart entwickeln konnten.
Im Kontext der offiziellen Euphorie des bicentenario stellt Zeuskes Buch einen erfrischenden Beitrag zur historischen Aufklärung dar. Seine vielschichtige Analyse empfiehlt sich vor allem Lesern, die Vorkenntnisse über die Unabhängigkeitsbewegung haben, die anderen sollten zum Buch von Stefan Rinke, Revolutionen in Lateinamerika, Beck 2010 greifen.
Rezension: Dr. Antonio Sáez-Arance




