Sieh die Amazonen an! Wie auf dem Bild Mikons [griechischer Maler und Bildhauer des 5. Jahrhunderts v. Chr.] kämpfen sie mit den Männern hoch zu Ross“, spottet der Chor der Alten in Aristophanes’ Komödie „Lysistrate“ (wörtlich: Heeresauflöserin) über das Vorhaben der Frauen Athens, sich in die politischen Belange der Männer einzumischen. Das Stück wurde dem attischen Publikum erstmals an den Lenäen, Festspielen zu Ehren des Gottes Dionysos, zu Beginn des Jahres 411 v. Chr. vorgestellt. In dieser literarischen Version einer zeitweiligen „Frauenherrschaft“ befinden sich die Männer im Krieg; die Frauen der verfeindeten Stadtstaaten Sparta und Athen ziehen sich zum Liebesstreik auf die Akropolis – den Sitz der jungfräulichen Stadtgöttin Athena – zurück, um die Männer zum Friedensschluss zu bewegen.
Die sexuelle Verweigerung macht sie zu parthénoi, zu Jungfrauen, und damit sowohl der Stadtgöttin als auch den Amazonen wesensgleich. Denn in der mythologischen Erinnerung der Griechen sind die Amazonen jungfräuliche Kriegerinnen. Sie gehen ihrem blutigen Geschäft vor allem in der Zeit vor der Ehe nach: „Nicht eher darf eine parthénos heiraten“, berichtet Herodot über Amazonen im Gebiet der Skythen, „bevor sie nicht einen Feind getötet hat. Manche werden alt und sterben, ohne sich zu verheira‧ten, weil sie den Brauch nicht erfüllen konnten“ (Herodot 4, 117). Das Eingreifen der athenischen Frauen in das Geschäft des Krieges prädestiniert sie in der Komödie des Aristophanes zu amazonenhaftem Tun. Das ist in der Vorstellungswelt der Athener des 5. Jahrhunderts v. Chr. vor allem der Einfall eines Amazonenheeres in Athen, den der sagenhafte König der Athener, Theseus, zurückgeschlagen haben soll. Auf die Darstellung seiner Kämpfe mit den Amazonen am Theseus-Tempel bzw. an der stoá poikílê, einer bemalten Säulenhalle am Nordostrand der Agora von Athen, spielt der Chor der Alten in der Komödie an. Die Gemälde Mikons sind nicht erhalten, doch ist ihre Existenz durch Beschreibungen des antiken Reiseschriftstellers Pausanias belegt, der sie zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. sah: „Bei dem Gymnasion ist das Heiligtum des Theseus mit Gemälden, Athener gegen Amazonen kämpfend“ (Pausanias 1, 17, 2).
Athenerinnen waren im 5. Jahrhundert v. Chr. allerorten mit Amazonen-Bildnissen konfrontiert. Nicht nur die Tempelwände und Säulenhallen auf der Agora, dem Zentrum der Stadt, auch das Standbild der Athena auf der Akropolis zierten Darstellungen von Amazonen-Kämpfen. Ebenso waren Amazonen im häuslichen Bereich, bei Trinkgelagen der Männer, beim Totenkult und bei der Wollarbeit präsent. Trinkschalen und Becher, die beim Trinkgelage benutzt wurden, Lekythen (Salbflaschen, die den Toten beigegeben wurden) oder Epinetren (Tonröhren, die sich die Frauen zum Wollekrempeln über die Knie legten) waren mit Amazonen-Darstellungen geschmückt.
Welches Interesse konnten Athenerinnen an derartigen Darstellungen haben? Konnten sie sich mit den kriegerischen Frauen identifizieren? Die Forschung interessiert sich vorwiegend für den politischen Nutzen des Mythos für die männliche Bürgerschaft, die in der Volksversammlung, einer Versammlung waffenfähiger Bürger, über Krieg und Frieden stritt und in den Gerichtshöfen ihre Auseinandersetzungen um Recht und Ordnung austrug. Da Amazonen-Darstellungen im öffentlichen Raum vor allem nach dem Sieg der Athener über die Perser in den Schlachten von Salamis (siehe DAMALS 6 -2010) und Marathon zunahmen, ging man lange Zeit von einer Gleichsetzung von Amazonen und Persern aus, zumal manche antiken Autoren den Persern einen „weibischen“ Charakter zuschrieben.





