von RAINER KURLEMANN
Alte Seuchenfriedhöfe erinnern an grausame Zeiten, als viele Menschen plötzlich schwer erkrankten, und man die Toten bald nur noch vor die Stadttore schaffen und in Massengräbern verscharren konnte. Heute, Jahrhunderte später, sind diese Gräber Schatztruhen für Wissenschaftler, denn in den Knochen der Toten haben sich Erbgutreste der Krankheitserreger erhalten, und die Epidemien lassen sich dadurch auf ihre Verursacher zurückführen. Genanalysen haben eine große Vielfalt an Bakterien und Viren ans Licht gebracht – darunter die Erreger von Pest, Pocken, Tuberkulose, Malaria, Typhus, Cholera und Influenza.
Doch die Geschichte der Krankheiten begann schon lange, bevor die Seuchen in den eng bebauten Städten wüteten. Bereits gegen Ende der Steinzeit hatten die Menschen damit zu kämpfen. Forscher des Max-Planck-Instituts (MPI) für Menschheitsgeschichte in Jena entdeckten in 4900 Jahre alten Knochen Spuren von Yersinia pestis, des Erregers der Pest. DNA-Analysen belegen, wie weit sich das Bakterium damals ausgebreitet hatte. „Die Krankheit lässt sich zwischen 4800 bis vor 3800 Jahren vor heute in Skeletten aus ganz Europa nachweisen – etwa in Schweden, im Baltikum, in Kroatien, im Süden Russlands und im bayrischen Augsburg“, berichtet Johannes Krause, Direktor am MPI in Jena. Für ihre Analysen verwendeten die Forscher eine Software, die eine Milliarde DNA-Sequenzen aus archäologischen Funden binnen 24 Stunden einem Herkunftsorganismus zuordnen kann.
Der Pesterreger mutierte
Der Algorithmus identifiziert nicht nur die Überreste von Bakterien und Viren, die in der Datenbank als Krankheitserreger bekannt sind – er spürt auch Veränderungen in ihrer genetischen Struktur auf. Deshalb wissen die Forscher, dass die älteste Form der Pest anders war als die Form, die im Mittelalter wütete.
Modellrechnungen aus genetischen Daten ergaben, dass der älteste Pesterreger vor etwa 5300 Jahren durch eine Veränderung in einem einfachen Bakterium entstanden ist. Erst später erfolgte eine genetische Mutation, durch die das Bakterium im Magen von Rattenflöhen überleben kann. Dieses Ungeziefer sorgte im Mittelalter dafür, dass sich die Pest schnell und unbemerkt von Haus zu Haus und von Stadt zu Stadt verbreitete. Mitte des 14. Jahrhunderts tötete es mehr als 50 Millionen Menschen. Manche Historiker sagen, dass Krankheitserreger die Geschichte der Menschheit stärker geprägt haben als die vielen Hungersnöte und Kriege.
Johannes Krauses Team gelang es 2018, eines der größten Massensterben in Mittelamerika aufzuklären. In Mexico und Guatemala starben während der sogenannten Cocolitzli-Epidemie zwischen 1545 und 1549 in nur vier Jahren etwa 80 Prozent der Bevölkerung. Vermutlich hatten die spanischen Eroberer den Erreger eingeschleppt, der bis zu 15 Millionen Menschen tötete.





