Die Aufnahme des römischen Kaisers Septimius Severus in die Reihe ist unschwer zu rechtfertigen: In die Regierungszeit dieses Herrschers (193 – 211) fallen die Anfänge von Entwicklungen, die über die Zeit der Soldatenkaiser und der Tetrarchie in eine grundlegende Transformation der antiken Mittelmeerwelt und ihrer Gesellschaften mündeten: Die kollektive wie individuelle, wirtschaftliche, soziale und politische Privilegierung des Militärs und seiner Angehörigen, die Mobilisierung bisher unerschlossener Ressourcen zu ihrer Finanzierung, der Umbau der hadrianischen Grenzverteidigung in ein tiefgestaffeltes Defensivsystem, die Zurückdrängung des Senatorenstandes aus der militärischen Kommandoebene – all dies sind Weichenstellungen der severischen Zeit, die (wie der Verfasser Jörg Spielvogel völlig zutreffend anmerkt) spätere Umwälzungen ankündigten oder gar vorwegnahmen.
Spielvogels Schilderung der Ereignisgeschichte vermag, von gelegentlichen Ungenauigkeiten abgesehen, zu überzeugen, wenngleich man sich hier und da ein intensiveres Eingehen auf die materielle Kultur der Epoche gewünscht hätte. Nun zielt das Buch aber auf mehr ab als bloß auf eine Würdigung des Septimius Severus als des herausragenden politischen Akteurs seiner Epoche: Spielvogel möchte „psychohistorischen Zusammenhängen” nachspüren, um das Handeln des Kaisers in spezifischen Entscheidungssituationen zu ergründen, eine Methode, die dort, wo der Biograph in Archivalien und Selbstzeugnissen wühlen kann, durchaus ihre Berechtigung haben mag. Bei einem antiken Thema kann dies aber nicht funktionieren. Zu dicht ist der Schleier, den die Quellen, auf die allein wir uns stützen können, zwischen uns und der historischen Persönlichkeit weben. Die „charakterlichen Dispositionen”, die Spielvogel dahinter zu erkennen meint, kann er denn auch nur zu Gemeinplätzen verdichten, die dem Leser den Blick auf die Epoche eher verstellen, als daß sie zum Verständnis beitragen.
Rezension: Sommer, Michael




