Thanheim gehörte zum Fürstentum Hohenzollern-Hechingen, wie Hohenzollern-Sigmaringen eines jener Miniaturterritorien, welche die napoleonische Flurbereinigung zu Beginn des 19. Jahrhunderts unbeschadet überlebt hatten. In den beiden Ländchen war es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zu periodischen Revolten und Unruhen gekommen. Nach der 48er Revolution überließen die beiden Hohenzollernfürsten ihre Länder dem stammverwandten preußischen König. Die “Hohenzollernschen Lande” waren damals zurückgebliebene Territorien und weder politisch noch ökonomisch modernisiert. Der am Fuße der Hohenzollern gelegene Flecken Thanheim zählte zwischen 300 und 400 Einwohner, die überwiegend landwirtschaftlichen Tätigkeiten nachgingen. Wegen der geringen Verdienstmöglichkeiten wanderten viele aus, doch für manche eröffnete, wie ein Chronist vermerkt, die musikalische Reisetätigkeit eine Chance, “auf andere Art sein Brot leichter zu verdienen, als es dem widerspenstigen Boden abringen zu müssen.”
Die Buckenmaiersche Musikgesellschaft Außerordentliche musikalische Talente, die sich in einigen Familien bis heute vererben, bildeten die entscheidende Voraussetzung des Erfolgs. Die Anfänge, die laut mündlicher Überlieferung bis in die 90er Jahre des 18. Jahrhunderts zurückreichen, liegen im Dunkeln. Für die Zeit von November 1845 bis März 1853 hat sich das Wanderbuch einer zehnköpfigen Thanheimer “Musikgesellschaft” unter der Leitung eines Angehörigen der Familie Buckenmaier erhalten. Ihre Touren führten in die Städte Südwestdeutschlands, in die Schweiz und ins nahe gelegenen Elsaß, mit Ausflügen bis nach Belfort. “Les frères Buckenmayer” spielten nicht etwa in Dorfkneipen, sie gaben anspruchsvolle “musikalische Abendunterhaltungen” in renommierten Gasthäusern, Hotels, Auberges, Cabarets und Établissements publics.
“Musiker und Kupunist” Die Tätigkeit der hohenzollernschen Reisemusikanten scheint einträglich gewesen zu sein. Nach dem 1866er Krieg kam es in Thanheim neben der offenbar weiterbestehenden Buckenmaierschen Musikgesellschaft zur Gründung eines Konkurrenzunternehmens. Das Rückgrat dieser Formation bildete das Brüderquartett Fidel, Joseph, Felix und Gustav Dehner, deren Familienname vielleicht vom mittelhochdeutschen Döner (Spielmann) abzuleiten ist. Der Vater Sebastian Dehner war bis 1848 Trompeter in der Hofmusik des Fürsten Friedrich Wilhelm Konstantin von Hohenzollern-Hechingen gewesen. Als er wegen allzu freiheitlicher Äußerungen entlassen wurde, soll er eine eigene Kapelle gegründet haben – eine konsequente Demokratisierung seiner früheren Funktion. Jedenfalls verdiente er, wie die Akten vermelden, auch künftig seinen Lebensunterhalt als “Musikus”. Seine Söhne dienten als Soldaten und Regimentsmusiker und nahmen an den Feldzügen 1866 und 1870/71 teil, wenngleich in unterschiedlichen Einheiten. Felix und Fidel absolvierten ihren Dienst beim 69. Infanterie-, Joseph beim zweiten Garderegiment. Gustav war Trompeter bei der Artillerie. Der Kopf dieses Musikantenquartetts war der 1842 geborene Felix Dehner. Schon im Schulalter war er musikalisch aktiv. Randbemerkungen des Lehrers kommentieren in den Zeugnissen bereits früh Schulversäumnisse wegen musikalischer Reisetätigkeit. Während seiner Militärzeit brillierte Felix Dehner aufgrund seiner außerordentlichen Musikalität als erster Oboist (“Haupoist”), später auch als Komponist, Arrangeur klassischer Musikstücke und Kapellmeister. Nach der Entlassung gründete Felix Dehner mit früheren Soldatenkameraden, die allerdings nicht alle aus Thanheim stammten, eine zehnköpfige Kapelle, um “Kunstreisen” zu unternehmen. Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Gustav war ebenfalls schon früh auf die väterlichen Musiktouren mitgenommen worden, so daß er die Schule wohl nur wenige Jahre besuchte. Er hinterließ originelle chronikalische Notizen über die Reisen der Thanheimer. Die charmante Orthographie spiegelt die Wahrnehmungsebene einer Schicht, die sich üblicherweise schriftlich nicht artikuliert. Gustav Dehner notiert die Auftrittsorte der Musikgruppe, hält die Einnahmen fest, kommentiert Essen und Trinken, erwähnt mitunter auch Sehenswürdigkeiten. Er vergißt nichts, was zum Ansehen der Thanheimer Musiker beiträgt. Stolz berichtet er vom Lob der Zuhörer, genauestens registriert er die Anerkennung durch die politische oder musikalische Prominenz. Die erfrischenden Aufzeichnungen sind frei vom belehrenden Gestus, vom Sozialneid oder der Herablassung bürgerlicher Reiseberichte, sie spiegeln ungeschminkt die Weltsicht dörflicher Reisemusikanten, die sich voller Selbstbewußtsein, Neugier und Begeisterungsfähigkeit auf ihre Tourneen in die große Welt machten.




