Die Prognosen sind düster: “Spätestens im Jahr 2000 ist mit der Fischerei am Ammersee nicht mehr viel los”, prophezeit Peter Wißmath, Fachberater im Bezirk Oberbayern. Den meisten Kummer macht dem Fischereivertreter die Renke, der “Brot- und Butterfisch” der Berufsfischer in allen oberbayerischen Seen. Der ehemals ertragreiche Bestand der Renke – am Bodensee heißt sie Felche, in Norddeutschland Maräne – ist 1990 im Ammersee zusammengebrochen. Seither wachsen die Renken hier mehr schlecht als recht, und nennenswerter Nachwuchs wurde in den letzten Jahren auch nicht mehr gefangen.
Die Situation im Voralpenland, einen kurzen Fußmarsch vom berühmten Kloster Andechs mit seinem noch berühmteren Starkbier entfernt, ist typisch für einen Großteil der deutschen Seen. Schuld am Fischesterben könnte der Gewässerschutz sein.
Fachleute vermuten, ein Hauptgrund für das Siechtum der Renken sei der verminderte Nährstoffgehalt im Wasser. Seit Anfang der achtziger Jahre ist in vielen Seen in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Konzentration des wichtigsten Algennährstoffs, des Phosphors, drastisch gesunken. Ein großer Teil des Phosphors stammte aus der Landwirtschaft und aus Waschmitteln. Die Überdüngung ließ immer mehr Seen im Sommer zu grüner Suppe verkommen. Beide Schadstoffquellen sind inzwischen weitgehend verstopft.
Gut dokumentiert ist dieses Auf und Ab des Phosphorgehalts im Bodensee: Noch in den dreißiger Jahren maßen die Forscher weniger als fünf Mikrogramm (millionstel Gramm) Phosphor pro Liter Seewasser. Davon konnten nur wenige Algen leben. Der See war mithin klar, tierische Algenfresser – das Zooplankton – tummelten sich nur in geringer Zahl. Somit hatte auch das nächste Glied der Nahrungskette, die Bodenseefelche, wenig zu fressen. Die Erträge der Fischer waren entsprechend gering.
Das änderte sich nach dem Krieg. 1950 wurden weniger als 10 Mikrogramm Phosphor pro Liter gemessen, 1980 waren es im Obersee 87 und im Überlinger Teil sogar knapp 100 Mikrogramm. Eutro-phierung nennen die Seenkundler diese unerwünschte Anreicherung von Nährstoffen.
Phosphor ist in den meisten mittel-europäischen Seen von Natur aus nur in geringen Mengen vorhanden. Wenig Phosphor bedeutet klares Wasser, denn die Phosphorkonzentration begrenzt das Wachstum der Algen, die sich davon ernähren. Den künstlichen Zufluß von Phosphor zu drosseln und somit das Algenwachstum im See zu reduzieren war und ist das Ziel der Gewässerschützer.
Die Waschmittel sind inzwischen frei von Phosphat. Der Ausbau der Kanalisation und die Aufrüstung der Kläranlagen, in denen das Phosphor aus anderen Quellen zurückgehalten wird, aber auch die intensive wissenschaftliche Betreuung des Bodensees ließen sich bis heute allein die drei Anliegerstaaten Deutschland, Schweiz und Österreich rund sieben Milliarden Mark kosten. Andere Beispiele gibt es zuhauf: In vielen Seen Oberbayerns hält eine Ringkanalisation die unerwünschten Nährstoffe aus Landwirtschaft und Haushalten vom Wasser fern. An der Wahnbachtalsperre in der Nähe von Bonn und am Tegeler See in Berlin wird das gesamte zufließende Wasser durch eine Phosphor-Eliminierungsanlage geleitet.
Im Bodensee sinkt die Phosphorkonzentration seit 1980 nun mehr oder weniger kontinuierlich – 1998 auf etwa 17 Mikrogramm pro Liter Wasser, Tendenz weiter fallend. Mit zeitlicher Verzögerung reagierten auch die im See lebenden Pflanzen und Tiere auf die verringerten Nährstoffverhältnisse: “Zuerst kamen wieder Wasserpflanzen, die weniger Nährstoffe brauchen. Seit Anfang der neunziger Jahre beobachten wir eine Abnahme des Algenwachstums im See”, zieht Hans Güde, Leiter der biologischen Abteilung am Institut für Seenforschung in Langenargen, Bilanz.
Die Eutrophierung wurde umgekehrt. Re-Oligotrophierung nennen die Fachleute den Vorgang: Rückführung in einen nährstoffarmen Zustand.
Als erster Fisch bekam dies die Brachse zu spüren, eine mit den Karpfen verwandte Art. Im Ammersee etwa verendeten schon in den achtziger Jahren zahlreiche Tiere. Die Fische waren schlicht verhungert, weil der See nicht mehr genügend Nahrung bot. Die Fischer sorgen sich, daß den Renken ein ähnliches Schicksal droht.
Doch das muß nicht sein. Am Bodensee liefert dieselbe Fischart nach wie vor Spitzenerträge: So viele Felchen wie in den neunziger Jahren zogen die Fischer dort noch nie aus dem Wasser. Dabei ist auch im Bodensee der Phosphorgehalt in den vergangenen Jahren massiv zurückgegangen.
Das “Schwäbische Meer” ist das klassische Beispiel für den Erfolg der Wasserwirtschaftler bei der Sanierung kranker Seen.
Die Voraussetzungen waren hier günstig: Der Eutrophierung wurde früh entgegengesteuert. Hinzu kommt, daß der Bodensee sehr tief ist, an der tiefsten Stelle 254 Meter. Der Kalk aus den Zuflüssen der Alpen bindet zudem einen großen Teil der Nährstoffe. Deswegen ist der Bodensee am Grunde nie völlig sauerstofffrei geworden – er ist nie “umgekippt”, erklärt Alfred Hamm, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Limnologie (Seenkunde). Ist ein See dagegen in der Tiefe sauerstofffrei, entwickelt sich dort Faulschlamm, und der Seeboden wird extrem lebensfeindlich.
Anderen Seen erging es erheblich schlechter als dem Bodensee. Der Ammersee etwa büßte in den siebziger Jahren seinen Sauerstoff ein, wie sich noch heute in den Ablagerungen am Boden nachweisen läßt (siehe Kasten: “Das Sediment – Jahrbuch eines Sees”).
Eine andere Folge, wenn ein See umkippt, ist die “interne Düngung”. Enthält das Wasser über dem Seeboden keinen Sauerstoff mehr, setzt eine chemische Reaktion ein, bei der sich der in den Sedimenten gebundene Phosphor wieder löst. Dieser Phosphor düngt den See zusätzlich, die Algen vermehren sich, ihr Abbau durch Mikroben benötigt noch mehr Sauerstoff – ein Teufelskreis. “Von allein, ohne massive Gegensteuerung, kommt ein See aus diesem Zustand nicht mehr heraus”, sagt Hamm.
Aber auch mit Reinhaltemaßnahmen wie Klärtechnik und Waschmittelgesetzen geht der Gesundungsprozeß bei den meisten Seen, die durch interne Düngung geschädigt sind, nur langsam voran. Oberstes Gebot ist es, so viele Nährstoffe wie nur möglich vom Wasser fernzuhalten. Parallel zu den Sanierungsbemühungen bei den Zuflüssen wurde an einigen Orten versucht, durch technische Tricks die Erholung des Sees zu beschleunigen.
Eine Möglichkeit ist, das sauerstoffarme Wasser in der Tiefe zu belüften und damit die Lösung des gebundenen Phosphors zu stoppen. Die damals weltgrößte Belüftungsaktion wurde am 3. Dezember 1979 am Tegeler See in Berlin gestartet. Die drei großen, auf den Seeboden versenkten Belüftungsaggregate arbeiteten gut, doch der Effekt hielt nicht, was sich die Fachleute versprochen hatten. In den achtziger Jahren installierten dann die Schweizer in drei großen Seen nahe bei Luzern Belüftungsanlagen. Auch in dem mit 27 Hektar vergleichsweise kleinen Argensee im Allgäu wurde ein Beatmungsgerät installiert.
Der durchschlagende Erfolg blieb auch hier bislang aus. Technische Schwierigkeiten spielten dabei kaum eine Rolle: Ob Korrosion, verkalkte Belüftungsdüsen oder von Fischen zerbissene Belüftungsschläuche – stets fand sich eine Lösung. Als Hauptproblem stellte sich dagegen heraus, daß Ökologie in der Praxis schwieriger ist als in der Theorie.
Die Seen reagierten nicht so, wie Biologen und Wasserwirtschaftler erhofft hatten. Vor allem die Untersuchungen an den Schweizer Seen zeigten, daß die Verhältnisse im Sediment weitaus komplizierter sind als angenommen. “Es reicht nicht, einfach nur Sauerstoff einzublasen, damit der Phosphor im Sediment gebunden bleibt”, lautet die Erkenntnis von Michael Hupfer vom Berliner Institut für Gewässer-Ökologie und Binnenfischerei.
An den Schweizer Seen zeigte sich, daß der Phosphor, der zunächst an den oberen, sauerstoffhaltigen Sedimentschichten gebunden wird, wieder abgegeben werden kann, wenn die Sedimente in tiefere Schichten sinken. Die Beschaffenheit des Sediments selbst und der Gehalt von Eisen und Schwefel im Tiefenwasser spielen ebenfalls eine Rolle. Am Argensee führte die Sauerstoffdusche zwar zu einer anhaltenden Erniedrigung der Phosphorkonzentration. Die Pflanzen- und Tierwelt erholte sich dennoch nicht.
Die Bilanz der vergangenen 20 Jahre macht deutlich: Mit technischen Lösungen gelang es bisher kaum irgendwo, die Sanierung eines kranken Sees wesentlich abzukürzen. Erfolge wie am Schmalen Luzin, einem See in Mecklenburg-Vorpommern, sind selten. Hier ließ eine Kombination von Tiefenwasserbelüftung und Phosphorbindung mit Hilfe von Kalkmilch den Nährstoffgehalt im See deutlich sinken. Außerdem wird inzwischen weniger Phosphor aus dem Sediment gelöst. 1995 waren es noch 80 Kilogramm, 1997 nur noch 20 Kilogramm.
Insgesamt wird den Gewässer-Therapeuten jedoch nichts anderes übrigbleiben, als weiterhin konsequent die Nährstoffe von den Seen fernzuhalten. Dies erfordert einen langen Atem und weiterhin viel Geld – weniger zum Bau neuer, als zum Erhalt und zum Ausbau vorhandener Kläranlagen. Auch die aus der Landwirtschaft stammenden Nährstoffe müssen weiter verringert werden. Weniger Dünger bedeutet aber für die Bauern geringere Erträge. Das ist politisch wohl nur durch weitere finanzielle Ausgleichszahlungen im Einzugsgebiet der Seen durchzusetzen.
Fest steht aber auch, daß nicht jeder von einem sauberen See profitiert. Die Berufsfischer jedenfalls müssen sich vielerorts auf geringere Erträge und kleinere Fische einstellen – nicht nur am Ammersee.
Andererseits ist ein sauberer See nicht nur wegen Ökologie und Naturschutz erstrebenswert. Auch handfeste wirtschaftliche Vorteile winken: Klares Wasser lockt zahlungskräftige Touristen an. Und die werden auch mit weniger gut genährten Renken satt – wenn ihnen die Wirte zwei Fische statt einen auf den Teller legen.
Das Sediment – Jahrbuch eines Sees Wie ein Baum entsprechend seinem Wachstum unterschiedlich breite Jahresringe ausbildet, so lagern sich auf dem Boden eines Sees Jahr für Jahr unterschiedlich dicke Sedimentschichten ab. Sie bestehen aus eingeschwemmten Mineralien sowie aus Tier- und Pflanzenresten und sind ein getreues Abbild der Artenzusammensetzung des Sees, seiner Sauerstoffverhältnisse und von Hochwasserereignissen. Fachleute lesen in solchen Sedimenten wie in einem Buch. Dazu entnehmen sie eine Bohrprobe. Die wird schockgefroren, gefriergetrocknet, in Kunststoff eingebettet und schließlich in feinste Scheiben geschnitten, die unter dem Mikroskop analysiert werden.
Auf diese Weise rekonstruierten Wissenschaftler der TU München die Geschichte des Ammersees bis zum Jahr 1785. Seit 1958 sind die Schichten besonders deutlich abgegrenzt, weil danach keine Tiere mehr im Seeboden lebten: Durch ihre Wühlerei brachten sie zuvor die Schichten durcheinander. Daß diese Tiere plötzlich fehlen, belegt: Damals wurde am Seeboden die Luft knapp.
In den siebziger Jahren feierten die Algen dann Vermehrungsorgien. Das dokumentieren mächtige Jahresringe von schwarzem Faulschlamm. In den achtziger Jahren hellen sich die Sedimente wieder auf – Zeichen einer beginnenden Nährstoffverarmung und damit einer Erholung des Sees.
Klaus Zintz





