Leider hat die Sache einen Haken. Denn wem es gelänge, die Tiere beim Orakeln zu belauschen, der hätte zwar einen Wettbewerbsvorteil, aber leider nur sehr kurz. Denn im Kleingedruckten der allgemeinen Geschäftsbedingungen für Raunächte steht, wer erfolgreich mithört, muss umgehend sterben. Nur Sonntagskinder sollen vom Sterben ausgenommen sein. Doch von denen gibt es bei uns durch die aktuellen Arbeitszeitregelungen und dem häufig angewandten Kaiserschnitt kaum noch welche.
Dass man die Zukunft aus dem Mund der Stalltiere erfahren könne, glauben heute nur noch sehr wenige Menschen. Außerdem haben viele noch nie in ihrem Leben einen Stall von innen gesehen und wüssten gar nicht, wo sie hingehen müssten, um die Ohren zu spitzen. Kaum fünf Prozent der Gesamtbevölkerung in Mitteleuropa schreiben „Bauer“ ins Formular, wenn sie nach ihrem Beruf gefragt werden. Und nur wegen der paar Tage im Jahr eigens einen Stall anzuschaffen – das macht niemand. Selbst am Black Friday kann man da lange nach Sonderangeboten suchen.
Elefanten als Wahrsager
Auch wenn wir der Raunächte-Prophezeiung keine Bedeutung mehr beimessen, trauen wir grundsätzlich Tieren nach wie vor manchmal übersinnliche Fähigkeiten zu. Als am 26. Dezember 2004 nach einem Seebeben im Indischen Ozean ein Tsunami die Küstengegenden ringsum verheerte und über 200.000 Menschenleben forderte, haben manche nur deshalb überlebt, weil Tiere sie rechtzeitig gewarnt hatten. Deutlich bevor die tödliche Flutwelle eintraf, sind beispielsweise Elefanten unruhig geworden und haben sich schließlich losgerissen, um landeinwärts Hügel zu erklimmen und auf Erhöhungen zu fliehen. Selbstverständlich nur, wenn sie davor angebunden waren. Sonst haben sie sich das Losreißen erspart. Manche Menschen sind ihnen gefolgt. In erster Linie, um sie wieder einzufangen und nicht, weil sie auch einmal hinter Elefanten einen Hügel hinauflaufen wollten. Aber trotzdem konnten sie genau deshalb später davon erzählen. Woher haben die Elefanten gewusst, wann sie losdüsen müssen? Push-Mitteilung vom elefantenköpfigen Ganesha, im Hinduismus als Gott immerhin auch für Wissenschaften zuständig? Oder können Elefanten alte Informationsquellen anzapfen, deren Zugang uns Menschen im Laufe der Evolution verloren gegangen ist? Die richtige Antwort klingt wie so oft simpler, ist aber nicht weniger spektakulär: Der Infraschall hat sich unsichtbar bei ihnen gemeldet.
Für uns Menschen hörbarer Schall findet zwischen 16 Hertz (Schwingungen pro Sekunde) und 16 Kilohertz statt. Ultraschall liegt zwischen 16 Kilohertz und 10 Megahertz – da sind etwa Hunde vorne dabei oder Fledermäuse. Infraschall reiht sich in der Skala darunter ein mit einer Frequenz unter 16 Hertz. Das bedeutet, Teilchen werden mit unter 16 Hertz zum Schwingen angeregt. Infraschall breitet sich sehr gut in Flüssigkeiten aus, weil die sich, anders als Gase, im Wesentlichen nicht komprimieren lassen. Der Schall wird fast ungedämpft von einem Molekül zum anderen weitergegeben. Das ist aber nicht der Grund, warum man manche Menschen unter der Dusche so laut singen hört.





