Was waren die herausragenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und Entdeckungen in diesem Jahr? Welche Entwicklung hat besonderes Zukunftspotenzial? Jedes Jahr kurz vor Weihnachten küren die Redakteure und Herausgeber des Fachmagazins „Science“ ihre Top Ten: die Forschungsergebnisse und Entdeckungen, die sie für die bedeutendsten halten. Eines der zehn wählen sie dabei zum Durchbruch des Jahres. Unter den vergangenen Highlights war beispielsweise 2020 die Entwicklung der Impfstoffe gegen Covid-19, 2019 das erste Foto eines Schwarzen Lochs durch den Event-Horizon-Teleskopverbund oder 2018 erst Einblicke in die Embryonalentwicklung. Zusätzlich zu diesen “offiziell” gekürten Highlights bekommen auch die Leserinnen und Leser des Fachmagazins eine Stimme und können über ihre Favoriten abstimmen.
Der geknackte Proteincode
Proteine sind die Grundbausteine unseres Lebens, nahezu alle Körper- und Zellfunktionen gehen auf sie zurück. Entscheidend für ihre Funktion ist dabei die dreidimensionale Struktur, in der die Aminosäureketten gefaltet sind. Ihre Form bestimmt, ob beispielsweise Enzyme funktionieren, Zellen wachsen oder unser Blut Sauerstoff transportiert. Proteinstrukturen beeinflussen aber auch, ob das Coronavirus an unsere Zellen andocken kann und ob die Impfstoffe gegen mutierte Varianten noch wirken. Umso wichtiger ist es, die genaue Form eines Proteins zu kennen. Die komplexe Faltung präzise zu kartieren, ist jedoch enorm aufwendig und kann Jahre dauern. Deshalb suchen Wissenschaftler schon seit fast 50 Jahren nach einer Möglichkeit, die dreidimensionale Form eines Proteins anhand seiner Aminosäuresequenz zu ermitteln. Weil es dabei aber unzählige denkbare Konfigurationen gibt, galt dies lange als unmöglich.
Doch das hat sich geändert. Dank der Fortschritte im maschinellen Lernen und bei Systemen der künstlichen Intelligenz haben nun Algorithmen verborgene Gesetzmäßigkeiten der Proteinfaltung entschlüsselt – und erstmals Proteinstrukturen treffsicher anhand der Aminosäuresequenz vorhergesagt. Gleich zwei KI-Systeme – AlphaFold vom Google-Forschungszentrum DeepMind und RoseTTAFold von Forschern der University of Maryland – erreichten 2021 dabei Leistungen, die zuvor nur mit langwieriger Laborarbeit erreichbar waren. Dank dieser beiden KI-Systeme ist nun die dreidimensionale Struktur von 350.000 Proteinen im menschlichen Körper und von rund tausend weiteren Proteinen entschlüsselt. “Dies ist ein Durchbruch in gleich zweifacher Hinsicht”, kommentiert “Science”-Chefredakteur Holden Thorp. “Zum einen löst es ein Problem, das seit 50 Jahren auf der To-Do-Liste steht. Zum anderen ist es eine bahnbrechende Technologie, die den wissenschaftlichen Fortschritt enorm beschleunigen wird.” Das Editorenteam wählte daher diese Leistungen zum Durchbruch des Jahres, zum gleichen Ergebnis kamen auch die Leser bei der Wahl ihres Favoriten.





