Stephanie Keep vom US-amerikanischen National Center for Science Education persiflierte das Dilemma einmal mit folgendem Beispiel: „Seegurken müssen uns Menschen doch beispielsweise ansehen und denken: ‚Diese armen Kreaturen! Können nicht mal ihre eigenen Eingeweide ausspucken.‘“ Zugegeben, der Witz überwiegt den Nutzen dieses Beitrags. Ein ernster Kern steckt dennoch darin. Denn was ist es, das uns Menschen tatsächlich komplexer macht als Seegurken – obwohl uns die eine oder andere von deren Qualitäten offensichtlich fehlt?
Dazu wird Stephanie Keep an anderer Stelle konkreter: „Das Problem ist, dass wir dazu neigen, ‚komplexer‘ mit ‚besser‘ gleichzusetzen. […] Aber was ist Komplexität wirklich? Meinen wir die Anzahl der Zellen eines Individuums, wenn wir von Komplexität reden? Sicherlich ist ein Tier in dieser Hinsicht komplexer als ein Bakterium. Aber was ist, wenn wir von Komplexität im Sinne schierer Individuenzahl, Vielfalt, Fortpflanzungsrate oder gar globaler Vorherrschaft sprechen? Dann gewinnen die Bakterien jedes Mal.“
Gut, darüber lässt sich trefflich debattieren! In einem Fall werden die Bakterien allerdings niemals gewinnen: Wenn man als Kriterium für Komplexität die Zahl verschiedener Zelltypen nimmt, die ein diskreter Organismus bildet und funktionell integriert. Als Maßstab ist das zwar immer noch etwas wachsweich, aber aktuell ist es wohl das am breitesten akzeptierte Komplexitäts-Kriterium. Auch wenn womöglich anthropozentrisches Denken dabei eine große Rolle spielt: Schließlich rangieren wir Menschen mit unseren über zweihundert verschiedenen Zelltypen damit ganz oben in der Komplexitäts-Pyramide.
Komplexität durch Evolution?
Noch schwieriger wird es mit dem Begriff der Komplexität allerdings im Zusammenhang der Evolution. Daher kommt es hier immer wieder zu groben Missverständnissen. Wie oft heißt es etwa „Evolution ist die Entwicklung zu Höherem“? Oder: „Evolution ist das Herausbilden komplexer Organismen aus weniger komplexen.“
Nein! Evolution kann Komplexeres hervorbringen, muss es aber nicht. Ihr alles überlagerndes Ziel ist es jedenfalls nicht! Dass die Evolution mit der Zeit immer komplexere Organismen hervorgebracht hat, liegt vor allem genau daran: an der Zeit! Bis zum heutigen Tag hatte das Wechselspiel zwischen Variation und Selektion schlichtweg eine größere Zeitspanne zur Verfügung, um in der belebten Welt herumzuschustern, als dies beispielsweise vor zehn Millionen Jahren noch der Fall war. Und da für Zufallsprozesse wie Mutationen mit fortschreitender Zeit auch die Wahrscheinlichkeit für jedes einzelne Ereignis steigt, kamen immer wieder auch etwas komplexere Wesen heraus. Bewältigten diese dann die Herausforderungen ihrer Umwelt etwas besser als die Mehrheit ihrer Zeitgenossen, setzten sie sich von da an als stabile Linie fest. Und die belebte Welt schien insgesamt ein wenig komplexer geworden zu sein.





