Die meisten Geburten im Tierreich verlaufen schnell und unkompliziert. Wir Menschen dagegen plagen uns typischerweise mehrere Stunden, bis das Baby auf der Welt ist, und haben oft mit Geburtskomplikationen zu kämpfen. Als Grund dafür gelten vor allem zwei Faktoren: der aufrechte Gang, der zu einer Verkleinerung des menschlichen Beckens geführt hat, sowie das große Gehirn, das für einen großen Kopf des Fötus sorgt. Um diese Probleme zumindest teilweise auszugleichen, hat sich im Laufe der Evolution des Menschen ein Geschlechtsdimorphismus entwickelt, sodass Frauen deutlich breitere Becken haben als Männer. Zudem kommen menschliche Babys vergleichsweise unreif auf die Welt, was die Kopfgröße bei der Geburt zumindest etwas begrenzt.
Vergleich von Menschen und Schimpansen
Menschenaffen dagegen bewegen sich üblicherweise auf allen Vieren fort und der Kopf der Affenbabys ist im Verhältnis kleiner als der menschlicher Babys. „In Übereinstimmung mit der Theorie des Geburtsdilemmas wurde deshalb lange Zeit angenommen, dass Menschenaffen keine erkennbaren Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Beckenformen aufweisen“, erklärt ein Team um Nicole Webb von der Universität Zürich. „Neue Studie zeigen jedoch, dass es auch bei Schimpansen einen Geschlechtsdimorphismus bei der Beckenform gibt, wenn auch in geringerem Ausmaß als beim modernen Menschen.“
Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, erstellten Webb und ihr Team detaillierte dreidimensionale virtuelle Simulation des Geburtsvorgangs bei Menschen und Schimpansen. „Auf diese Weise haben wir bei Schimpansen ein ähnlich verengtes Mittelbecken wie beim Menschen festgestellt, mit noch engeren Auslassdimensionen“, berichten die Forschenden. „Gleichzeitig zeigen unsere Analysen, dass auch bei Schimpansen die Weibchen ein geräumigeres Becken haben als Männchen, obwohl sie insgesamt kleiner sind.“
Auch bei der Kopfgröße der Neugeborenen stießen die Forschenden auf deutliche Parallelen zwischen Schimpansen und Menschen: „Schimpansenbabys haben ein deutlich kleineres Gehirn relativ zu dem der ausgewachsenen Individuen, wenngleich der Unterschied nicht ganz so groß ist wie beim Menschen“, sagt Webb. „Entsprechend beginnen junge Makaken mit etwa drei Wochen selbstständig zu laufen und zu klettern, junge Menschenaffen mit fünf bis sechs Monaten und Menschenkinder mit einem Jahr.“
Verengung schon vor dem aufrechten Gang
Aufgrund dieser Ergebnisse stellen die Forschenden die Hypothese auf, dass sich das Geburtsdilemma nicht erst durch den aufrechten Gang entwickelt hat. „Wir schlagen als neue Hypothese vor, dass sich das Geburtsdilemma im Laufe der Evolution schrittweise entwickelt und zunehmend verschärft hat“, erklärt Webbs Kollege Martin Häusler. Der aufrechte Gang führte dann dazu, dass die ohnehin schon schwierige Passage durch den engen Beckenkanal noch komplizierter wurde: „Die Beckenschaufeln verkürzten sich und führten zu einem verdrehten Geburtskanal, was eine komplizierte Dreh-, Beuge- und Streckbewegung des Fötuskopfes und zeitlich versetzt des übrigen Körpers erfordert“, so Häusler.





