Betrunkene haben einen Schutzengel, sagt der Volksmund. Und tatsächlich: Alkohol im Blut scheint Schwerverletzte bis zu einem gewissen Maß vor den Folgen ihrer Verletzungen zu schützen. Darauf deuten nicht nur eine, sondern gleich zwei aktuelle Stu-dien aus den USA hin.
In der ersten werteten Ali Salim vom Cedars-Sinai Medical Center in New York und sein Team die Daten von fast 40 000 Unfallopfern mit Kopfverletzungen aus. Ihr Ergebnis: Leicht alkoholisierte Patienten trugen weniger schwere Verletzungen davon als nüchterne, und sie starben auch seltener daran. Ähnliches ergab die zweite Datenanalyse, durchgeführt von Christian de Virgilio von der University of California in Los Angeles und seinen Kollegen: Auch sie stellten eine niedrigere Todesrate bei Patienten mit Alkohol im Blut fest – statt bei sieben Prozent wie bei den nüchternen lag sie lediglich bei einem Prozent.
Was allerdings keine der Studien beantworten kann, ist die Frage nach dem Warum. „Denkbar sind verschiedene Mechanismen”, erläutert Andreas Seekamp, Leiter der Sektion Notfall- und Intensiv- medizin der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie. Möglicherweise sei eine Veränderung der Durchblutung schuld oder ein verlangsamter Stoffwechsel. Vielleicht verhalten sich Alkoholisierte im Moment des Unfalls aber auch einfach anders als Nüchterne. Am wahrscheinlichsten aber erscheint dem Experten, dass der Alkohol die Entzündungsreaktion dämpft, die nach schweren Verletzungen unweigerlich vom Körper ausgelöst wird. Denn nicht selten ist es genau diese Entzündung und nicht die Verletzung selbst, die für die schlimmen, manchmal sogar tödlichen Folgen eines Unfalls verantwortlich ist.
Könnte ein Gläschen Schnaps also in Zukunft fester Bestandteil der Erstversorgung in der Notaufnahme werden? Seekamp wehrt ab. Noch nie sei es gelungen, Effekte wie den Alkohol-Schutz in einer kontrollierten klinischen Studie zu bestätigen – selbst wenn Tierversuche zuvor erfolgreich verlaufen waren. „Wenn man dem Körper einen Pfad verbaut, sucht er sich einen anderen Weg, die Entzündung auszulösen”, meint er. „Das hat sich schon häufiger gezeigt.” Im Moment lasse man deshalb die Entzündung ablaufen und konzentriere sich darauf, die entstehenden Schäden an Organen und Geweben zu reparieren.
Sollte sich zudem herausstellen, dass der Schutzeffekt nur eintritt, wenn man den Alkohol bereits vor dem Unfall im Blut hat, ist er als potenzielle Behandlung ohnehin tabu. Denn man darf natürlich nicht vergessen: Das Risiko, überhaupt an einem Unfall beteiligt zu sein und sich dabei eine schwere Verletzung zuzuziehen, wird durch Alkohol immens erhöht.
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