DASS ES EINMAL einen Pocken-alarmplan gab, hatte man hierzulande fast vergessen. 1972 wurde er zuletzt angewandt, damals trat in Deutschland der letzte Fall von Pocken auf. 1977 wurde in Somalia die letzte natürliche Infektion mit dem Erreger („Variola-Virus”) registriert. Seitdem gelten die Pocken als ausgerottet. Nach einer beispiellosen Impfkampagne erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO 1979 die Welt für pockenfrei. Doch plötzlich ist die Angst wieder da.
Offiziell gibt es Pockenviren nur noch bei der US-Seuchenbehörde CDC in Atlanta und im Staatlichen Russischen Forschungszentrum für Virologie bei Nowosibirsk. Doch weil spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 niemand mehr auszuschließen wagt, dass Erreger in die Hände von Terroristen gelangt sein könnten, bereitet sich auch Deutschland auf einen möglichen Biowaffenangriff mit Variola-Viren vor. Mehrere Bund-Länder-Arbeitsgruppen unter Federführung des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) entwickelten ein Rahmenkonzept. Bis Ende 2003 werden 100 Millionen Impfdosen angeschafft. Notfalls würde die ganze Bevölkerung gegen das hochgradig ansteckende Virus geimpft.
Allerdings wäre eine massenhafte Pocken-Schutzimpfung „nicht unproblematisch”, kommentierte der Göttinger Experte Reiner Thomssen kürzlich in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift”. Der emeritierte Virologie-Professor rechnet unter den rund 25 Millionen Bundesbürgern im Alter von weniger als 27 Jahren – sie verfügen über keinen Impfschutz aus den Jahren vor 1977 – mit 300 bis 12000 Fällen einer lebensbedrohenden Hirnhautentzündung. Die „ postvakzinale Enzephalitis” ist die häufigste Komplikation der Pockenimpfung. Selbst die konservativsten Schätzungen gehen pro Million Impfungen von bis zu drei Todesfällen aus, und mindestens 15 Impflinge pro Million dürften bleibende Schäden davontragen.
Daher bleibt die Impfung vorerst, solange es weltweit noch keinen einzigen Pockenfall gibt, auf einzelne Mitarbeiter in deutschen Kompetenzzentren und Speziallabors beschränkt. Sollten außerhalb Deutschlands die Pocken ausbrechen, würde bestimmten Berufsgruppen eine Impfung nahe gelegt: beispielsweise Ärzten und Pflegern. Mit dem ersten Pockenfall in Deutschland würde die flächendeckende Impfung angeboten oder – je nach Bedrohungspotential – angeordnet. Die Entscheidung über eine Pocken-Impfpflicht obliegt dem Bund oder den Ländern. „Die Länder haben schon signalisiert, sie hätten gern, dass der Bund diese Verantwortung übernimmt”, sagte RKI-Präsident Prof. Reinhard Kurth.
Bundesweit 3287 Impfstätten mit 368092 Ärzten, Pflegern und Hilfspersonal sieht der aktualisierte Pocken-Alarmplan vor. Jeweils 25000 Menschen sollen pro Zentrum innerhalb von fünf Tagen durchgeschleust werden. Unklar ist, wie man mit Menschen umgehen will, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden dürfen: etwa Patienten mit gestörtem Immunsystem und Schwangere. Ebenso verbietet sich eine Impfung für alle, die mit diesen Menschen zusammenleben. Denn das Impfvirus kann von frisch Geimpften auf Ungeimpfte überspringen.
Eines steht fest: Sollten in Deutschland die Pocken ausbrechen, wäre der Ausnahmezustand da. Dagegen wären die Anschläge mit Milzbrand-Erregern Ende 2001 „Peanuts”, meint Kurth. Doch nach Meinung der Fachleute ist das Risiko eines Terroranschlags mit Pockenviren gering. So besteht Hoffnung, dass auch der neue Pocken-Alarmplan irgendwann wieder in den Schubladen verschwinden kann.
Irene Meichsner





