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Schutz vor Extremwetter
Wer sich in Deutschland vor den Kapriolen des Klimawandels weitgehend sicher fühlte, musste in den letzten Jahren erkennen, dass er sich leider getäuscht hatte. „Selbst die kühlsten Sommer der letzten 25 Jahre blieben meist deutlich über dem langjährigen Durchschnitt vor 1990“, schrieb der Deutsche Wetterdienst in einer Stellungnahme. Insgesamt ist die Jahresdurchschnittstemperatur in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 um 1,5 Grad gestiegen, so bilanzierte Ende 2019 Bundesumweltministerin Svenja Schulze – um 0,3 Grad allein in den fünf Jahren zuvor. Seither ist nochmal ein Zehntel Grad hinzugekommen.
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von JAN BERNDOFF
Wer sich in Deutschland vor den Kapriolen des Klimawandels weitgehend sicher fühlte, musste in den letzten Jahren erkennen, dass er sich leider getäuscht hatte. „Selbst die kühlsten Sommer der letzten 25 Jahre blieben meist deutlich über dem langjährigen Durchschnitt vor 1990“, schrieb der Deutsche Wetterdienst in einer Stellungnahme. Insgesamt ist die Jahresdurchschnittstemperatur in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 um 1,5 Grad gestiegen, so bilanzierte Ende 2019 Bundesumweltministerin Svenja Schulze – um 0,3 Grad allein in den fünf Jahren zuvor. Seither ist nochmal ein Zehntel Grad hinzugekommen.
Der Wasserpegel des Rheins war im Herbst 2018 über längere Zeit so niedrig, dass bei vielen Gütern, die per Schiff über Rotterdam importiert wurden, Engpässe entstanden, vor allem bei Benzin. Die Preise schossen in die Höhe, so manche Tankstelle fiel ganz trocken. Fabriken am Rhein mussten zeitweise die Produktion einstellen, weil keine Rohstoffe mehr geliefert werden konnten, Kraftwerken fehlte es an Kühlwasser.
Dazu kommt: Landwirte klagen zunehmend über Missernten, die Wälder sterben. Nicht nur Hitze und Trockenheit sind dafür verantwortlich. Auch Starkregen, Stürme und Überschwemmungen setzen den Menschen zu – Extremwetterereignisse, deren Häufung Klimatologen als Begleiterscheinungen der Erwärmung vorhergesagt haben. Die Stürme Kyrill 2007 und Niklas 2015 sorgten für Milliardenschäden, das Tief Andreas 2013 unter anderem für den „Hagelsturm von Reutlingen“ mit tennisballgroßen Hagelkörnern. Zudem werden die Überschwemmungen durch Flüsse, die über die Ufer treten, immer verheerender: Allein an der Elbe gab es zwischen 2002 und 2013 vier sogenannte Jahrhunderthochwasser – die ihrem Namen gemäß im Schnitt nur einmal in 100 Jahren erwartet werden.
Es besteht kein Zweifel: Die steigenden Temperaturen sorgen für immer mehr solche Ereignisse – auch vor unserer Haustüre. Der Klima-Risiko-Index der deutschen Umweltorganisation Germanwatch zeigt es schwarz auf weiß: Im Verlauf der vergangenen 20 Jahre gab es in Deutschland durch Wetterextreme pro Jahr im Schnitt 10.700 Tote und Schäden von 3,5 Milliarden Euro. Damit stehen wir auf Platz 18 von 180 ausgewerteten Ländern. Wir gehören also zu den 20 am heftigsten vom Klimawandel betroffenen Nationen.
Anpassung an erhöhte Temperaturen
Es geht längst nicht mehr nur darum, global das Schlimmste zu verhindern, indem wir, wie im Pariser Abkommen beschlossen, durch Klimaschutz den Temperaturanstieg auf 2 oder im besten Fall auf 1,5 Grad begrenzen. „Selbst wenn wir das schaffen – und davon sind wir noch meilenweit entfernt –, müssen wir uns an die unvermeidbaren Folgen der Temperaturerhöhungen anpassen“, sagt Harald Kunstmann, Klimatologe und Hydrologe an der Universität Augsburg. Und das erfordert einen teilweisen Umbau unserer Kulturlandschaft.
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Kunstmann ist Mitinitiator des Ende vergangenen Jahres gegründeten Zentrums für Klimaresilienz in Augsburg, für das aktuell neun neue Professorenstellen eingerichtet werden. Der Zweck besteht darin, umfassend und fächerübergreifend zu erforschen und Vorschläge zu erarbeiten, wie Deutschland und andere Länder sich am besten auf die Klimaveränderungen einstellen können.
Das neue Zentrum steht sinnbildlich für die steigende Bedeutung, die dem Thema Klimaanpassung in der deutschen Forschung und Politik beigemessen wird. „In der Entwicklungsarbeit ist sie natürlich schon länger ein Thema, da einige andere Länder, etwa in Afrika, noch viel stärker betroffen sind als wir“, sagt Walter Kahlenborn vom privaten Forschungsinstitut Adelphi in Berlin, einer führenden Denkfabrik in Sachen Nachhaltigkeit. Solche Länder befinden sich in klimatisch ohnehin extremen Regionen, deren Probleme sich jetzt noch verschärfen. Doch sie haben kaum die Mittel für die nötigen Anpassungsmaßnahmen. Und manche, die nur knapp über dem Meeresspiegel liegen, drohen unterzugehen.
Deutschland dagegen hat Mittel – und Berge. Und die Verantwortlichen sind inzwischen auch tätig geworden: 2008 verabschiedete die Bundesregierung die Deutsche Anpassungsstrategie. Sie nennt 15 Handlungsfelder – von Gesundheit über Hochwasserschutz, Landwirtschaft und Tourismus bis zur Finanzwirtschaft – und legt dar, was zu tun ist, um mit den Folgen des Klimawandels klarzukommen. Seither wird sie stringent verfolgt, angeleitet vom Bundesumweltministerium (BMU) und fachlich unterstützt vom Umweltbundesamt (UBA). Alle sechs Jahre wird in einer Klimawirkungs- und Risikoanalyse ausgewertet, wo Deutschland hinsichtlich der zu erwartenden Klimaverhältnisse am verwundbarsten ist – die nächste erscheint im Juni. Alle fünf Jahre erfolgt ein Fortschrittsbericht, der einen „Aktionsplan Anpassung“ enthält: Darin sind Maßnahmen aufgeführt – geplante und laufende. Sie reichen von Auen-Renaturierung über einen Waldklimafonds bis hin zum Erstellen kommunaler Leitfäden und zur Aufnahme von Klimafolgen in die gesundheitliche Aus- und Weiterbildung an Schulen genauso wie im Gesundheits- und Pflegebereich, damit sich zum Beispiel Pflegekräfte mit Hitzevorsorge auskennen.
Der letzte Aktionsplan vom Oktober 2020 enthält 188 solcher Projekte. 1,5 Milliarden Euro sind für ihre Finanzierung über die nächsten fünf Jahre vorgesehen. „Drei Viertel der Maßnahmen des vorigen Aktionsplans sind bereits umgesetzt oder befinden sich weiter in der Umsetzung“, schreibt das BMU in der Mitteilung zum neuen Bericht.
„In den ersten fünf bis zehn Jahren drehten sich viele Projekte um reine Forschung und Datenerhebung“, sagt Andreas Vetter vom 2007 eingerichteten Kompetenzzentrum Klimafolgen und Anpassung des UBA. Wie und wo ist Deutschland betroffen? Wo fehlt es noch an Daten, etwa an Gefahrenkarten für Starkregen? „Wir haben Vulnerabilitäten ermittelt, Indikatoren für ein Monitoring-System aufgesetzt und Daten systematisiert“, so Vetter. Darauf aufbauend wurden Maßnahmen zur Entschärfung der ermittelten Gefahren eingeleitet.
Naturnahe Lösungen an den Küsten
Die Verantwortlichen haben die Zeichen der Zeit erkannt. „Auf dem Gebiet der Klimaanpassung geschieht wirklich etwas“, sagt Kahlenborn vom Forschungsinstitut Adelphi. „Es gibt zielgerichtete Konzepte. Seit dem Beschluss der Deutschen Anpassungsstrategie hat es einen Trickle-Down-Effekt in die Länder und Kommunen gegeben. Wir sind da im internationalen Vergleich recht weit.“
Zu den großräumigen Handlungsfeldern gehört etwa der Küstenschutz. Naheliegende Lösungen sind der technische Ausbau und die Erhöhung von Deichen und Sturmflutsperrwerken. Zunehmend favorisiert werden naturnahe Lösungen. „Sandvorspülungen oder Vorlandvegetation in Form von Lahnungsfeldern oder Salzwiesen sollen dazu dienen, dem Meer seine nagende Kraft zu nehmen“, sagt Maike Voß, Forschungsanalystin bei Adelphi. Lahnungen sind Reihen von ins Watt gesteckten Pflöcken, zwischen die Äste und Zweige geflochten werden. In den Zwischenräumen können sich Sedimente ablagern. „Das hat positive Nebeneffekte für Natur und Mensch, da es sowohl zum Küstenschutz als auch zum Erhalt der Biodiversität beiträgt.“
Außerdem besteht die Möglichkeit, hinter den Deichen extensiv genutzte Flächen offen zu lassen, die bei Bedarf über Deichsiele geflutet werden, um den Druck von den Deichen zu nehmen. In den Niederlanden werden zudem Ansätze zu hochwassersicherem Bauen erprobt und umgesetzt, etwa Gebäude auf Stelzen, Warften oder gar amphibische Häuser, die bei Hochwasser schwimmen.
Die Umweltorganisation WWF hat mit Partnern vor Ort und Fördermitteln des BMU mehrere Pilotprojekte für besseren Küstenschutz durchgeführt: Im Süden Sylts, im Westen Husums und auf den nordfriesischen Halligen zeigt die PiKKoWatt-Studie („Pilotmaßnahmen zur Klimaanpassung mit Kommunen in der schleswig-holsteinischen Wattenmeer-Region“), dass neue, naturnahe Konzepte die Inseln und die Uferregionen des Festlands vor dem ansteigenden Meer schützen könnten.
Den Beteiligten ist allerdings klar, dass das Wattenmeer selbst als Naturraum langfristig kaum eine Überlebenschance hat. „Das Wattenmeer ertrinkt“, schreibt der WWF. Bei beschleunigtem Meeresspiegelanstieg – und der steuert auf über einen halben Meter bis zum Ende des Jahrhunderts zu – kann sich nicht mehr genug Schlick ablagern, damit das Watt entsprechend mitwächst. Das Ökosystem Wattenmeer, Weltnaturerbe der UNESCO, wird sich in eine Art Lagune mit völlig neuen Bedingungen verwandeln.
Auch auf dem Land gibt es immer häufiger entweder zu viel oder zu wenig Wasser. Zu viel Wasser wird vor allem dann zum Problem, wenn es nicht einsickern kann, sondern über die Asphaltdecken rasch in einbetonierte, begradigte Flüsse abfließt. Zum einen fehlt so der Nachschub für die Grundwasserspeicher, die eine wichtige Trinkwasserquelle sind. Zum anderen hat das Wasser keine Ausweichflächen mehr. Es rauscht mehr oder weniger alles auf einmal durchs Flussbett und überschwemmt die Umgebung – besonders in den Städten, wo die Flüsse durch Betonufer eingeengt sind.
Bei Starkregen wird die Situation noch prekärer. Dann steht das Wasser auch in den Straßen abseits der Flussufer. Vorbeugende Dammbauaktionen etwa mit Sandsäcken sind nicht möglich, weil der Regen mehr oder weniger unvorhergesehen großflächig niederprasselt und auf Straßen und Plätzen stehen bleibt. Die Kanalisation kann die Wassermenge nicht bewältigen, die Keller laufen voll, die Straßen werden unbenutzbar, Bauten und Infrastruktur nehmen großen Schaden.
Das Umweltbundesamt hat in einer Studie für Nordrhein-Westfalen, wo es viele kommunale Starkregen-Gefahrenkarten gibt, das Potenzial für Wohngebäudeschäden durch Starkregen hochgerechnet: Es beläuft sich auf bis zu 13 Milliarden Euro. Doch durch Maßnahmen wie den Einbau von Rückstauklappen in die Abwasserleitungen und die Abdichtung der Keller lässt es sich um bis zu 40 Prozent senken. „Solche Investitionen scheuen viele Hausbesitzer immer noch“, sagt Andreas Vetter. „Aber wir müssen inzwischen deutschlandweit davon ausgehen, dass uns die Schäden auf Dauer wesentlich teurer zu stehen kommen.“
Auch die Gefahr für Flusshochwasser muss dringend entschärft werden. Dresden geht mit gutem Beispiel voran: Infolge des Jahrhunderthochwassers 2002 hat die Stadt an der Elbe das damals besonders betroffene Einzugsgebiet des Weidigtbaches komplett umgestaltet. Das Bachbett wurde aufgeweitet und renaturiert, und es wurden naturnahe Wasserrückhaltemulden und -becken angelegt. Dadurch hat das Wasser wieder freieren Lauf, erreicht nicht so schnell hohe Pegel und kann in Hochwassersituationen zurückgehalten werden, um es während einer Dürre wieder fließen zu lassen und so für Ausgleich zu sorgen. Zudem kann es einsickern und das Grundwasser auffüllen. „Wenn ein Gewässer im naturnahen, ökologischen Zustand belassen wird, ist das System robust und kann sowohl mit Trockenheit als auch mit Hochwasser umgehen“, sagt der Gewässerökologe Harald Kroll vom Umweltamt Dresden.
Mehr Natur hat viele positive Effekte
Nicht nur an den Flüssen, sondern generell in Städten müssen die Verantwortlichen wieder mehr Natur wagen, um der Klimaerwärmung zu trotzen, mahnen Experten. Denn mit dieser Klappe schlagen sie gleich mehrere Fliegen: Parkanlagen mit Bäumen und Gewässern in Städten sorgen für kühlere Luft und fördern das Einsickern von Wasser. Sie binden zudem Treibhausgase und bieten Möglichkeiten zur Naherholung. So dienen sie nicht nur der Anpassung, sondern auch dem Klimaschutz und darüber hinaus sozialen Zwecken. „Das ist der Idealfall von Maßnahmen, die wir empfehlen und fördern“, sagt Andreas Vetter. „Es ist wichtig, dass wir bei den Projekten nicht nur die rein ökonomische Vermeidung von Schäden betrachten. Auch die Vorteile für Gesellschaft und Natur müssen in die Bewertung einfließen.“
Darum empfiehlt das Umweltbundesamt zur Hitzevorsorge keine Klimaanlagen. Denn die stehen durch ihren hohen Stromverbrauch dem Klimaschutz entgegen. Stattdessen werden zum Beispiel Kühlsysteme unterstützt, die auf Erdwärme basieren, oder Maßnahmen zur Dämmung von Häusern, sodass sie im Sommer kühler bleiben. Als vorbildliches Beispiel nennt die Behörde auch das „Hitzetelefon Sonnenschirm“ in Kassel. Organisiert vom Gesundheitsamt telefonieren ehrenamtliche Mitarbeiter karitativer Einrichtungen an heißen Tagen mit Senioren, um ihnen Tipps zu geben – und sei es nur die Erinnerung, genügend zu trinken. Positiver Nebeneffekt: Die Gespräche bieten den alten Menschen Ansprache und Kontakt, was sie in der Regel sehr begrüßen.
Renaissance alter Kulturpflanzen
Nicht jede Maßnahme zur Klimaanpassung wird also das Antlitz der Kulturlandschaft verändern. Doch insgesamt, davon ist Walter Kahlenborn überzeugt, wird Deutschland einige Umgestaltungen erfahren. „In den Siedlungsflächen steht uns ein Paradigmenwechsel bevor – vom technischen Schutz vor Extremwetterlagen zu naturbasierten Lösungen.“ Begrünung und Renaturierung statt Betonmauern, Prinzip Schwammstadt statt Asphaltdschungel: Die Stadt von morgen speichert ihr Regenwasser für trockene Zeiten selbst.
Auf Feldern und Wiesen, so prognostiziert der Experte, werden die intensiven Monokulturen auf überdüngten Feldern kleineren, strukturreicheren Parzellen weichen, auf denen andere, an wärmere Bedingungen angepasste Sorten angepflanzt werden. Alte Kulturpflanzen, zum Beispiel Urroggen, sind klimatisch wesentlich robuster als moderne Turbosorten, bieten allerdings weniger Ertrag. Die abwechslungsreicheren Anbausysteme der biologischen Landwirtschaft und andere neue Methoden könnten die kulturelle Einöde ablösen. Untersaaten und Zwischenfrüchte tragen nicht nur zur Artenvielfalt bei, sondern verbessern auch die Abdeckung des Bodens und dämmen so die Erosion bei starken Niederschlägen.
Wahrscheinlich werden in Zukunft auch effizientere Bewässerungssysteme wie Tröpfchenbewässerung vermehrt eingesetzt. „Insgesamt sind die Veränderungen in diesem Bereich aber weniger von der Klimaanpassung getrieben als von der dringenden Notwendigkeit, die negativen Folgen der Intensivlandwirtschaft auf die Artenvielfalt zu reduzieren“, sagt Kahlenborn. Blühstreifen etwa, die künftig mehr Felder umsäumen sollen, haben nur zum Teil mit Klimaanpassung zu tun, sondern sollen auch Insekten anlocken.
Umso stärker ist der Zusammenhang beim Umbau der Wälder. Die in Deutschland weit verbreiteten, großteils in der Nachkriegszeit angepflanzten Fichtenwälder kommen mit Hitze, Trockenheit und Sturm nicht zurecht. Sie müssen über die Jahrzehnte durch Laubmischwälder mit heimischen und auch fremden hitzetoleranten Baumsorten ersetzt werden. Das ist ein Jahrhundertprojekt, das viele Generationen von Förstern beschäftigen wird und gerade erst angefangen hat. Bayern und Thüringen haben bereits detaillierte Leitlinien entwickelt. In staatlichen Wäldern müssen sich Förster daran halten. Privatwaldbesitzern wird es dringend empfohlen, um ihren Wald zukunftsfähig zu machen.
Empfehlungen statt Vorgaben
Es sieht ganz danach aus, als wäre Deutschland bei der Klimaanpassung auf einem guten Weg. „Natürlich haben wir noch viele Baustellen, die wir angehen müssen“, meint Vetter. „Und neben der Politik sind auch Unternehmen, Verbände und einzelne Bürger aufgefordert, noch mehr zu tun. Aber der Rahmen ist gesetzt.“
Allerdings gibt es mahnende Stimmen, dass die Pläne noch nicht ehrgeizig genug sind. „In der Deutschen Anpassungsstrategie sind alle wichtigen Handlungsfelder adressiert“, sagt Klimaforscher Harald Kunstmann. „Aber mein großer Kritikpunkt lautet: Sie ist nirgendwo verpflichtend. Da heißt es immer nur: ‚Wir unterstützen, wir begleiten, wir empfehlen, wir kofinanzieren.‘ Aber es gibt keine klaren Vorgaben unter Androhung von Sanktionen, bis wann konkrete Ziele erreicht werden müssen.“ Und das ist ein echtes Problem: Bislang haben nur rund ein Drittel der Kommunen Konzepte erstellt oder Beschlüsse zur Klimaanpassung getroffen. Und ehrgeizige Kommunen werden durch die fehlende Verpflichtung regelrecht ausgebremst, sagt Kunstmann. „Sie würden gern mehr tun, können aber nicht, weil sie nur einen gewissen Teil ihres Budgets für freiwillige Maßnahmen ausgeben können. Für Brandschutz oder Barrierefreiheit gibt es solche festen Vorgaben, für Klimaanpassung noch nicht.“
Ein zweiter Kritikpunkt ist die mangelnde internationale Perspektive: „Es steht zwar in der Deutschen Anpassungsstrategie drin, dass wir auch andere Länder bei der Klimaanpassung unterstützen müssen. Aber mit ein paar Entwicklungsprojekten ist es nicht getan.“ Die Corona-Pandemie habe nur allzu deutlich gemacht, wie eng vernetzt wir mit aller Welt sind und in welche Abhängigkeiten wir uns begeben haben. „Wenn der Klimawandel in Ländern zuschlägt, die uns mit Grundnahrungsmitteln oder Medikamenten beliefern, haben wir kaum Möglichkeiten, das aus eigener Kraft aufzufangen. Wir müssen in manchen Bereichen autarker werden, uns wieder selbst versorgen können“, fordert Kunstmann.
Umso unverständlicher findet er, dass die Regierung die Wind- und Solarbranche ausbremst. Sie könnten uns von Energielieferungen aus dem arabischen Raum oder aus Russland unabhängiger machen und gleichzeitig Treibhausgase reduzieren, wären also Klimaschutz und Klimaanpassung in einem. Und zudem böten sie eine wirtschaftliche Perspektive, weil Deutschland in dieser Umwelttechnik eine Führungsposition einnehmen kann.
„An diesen beiden Punkten – fehlende Vorgaben und internationale Perspektive“, so Kunstmann, „sieht man: Das Thema wird noch immer nicht ernst genug genommen.“ Er wünscht sich, dass nicht immer erst eine schlimme Überschwemmung oder Dürreperiode nötig ist, damit gehandelt wird. Klimaanpassung müsse flächendeckend, kontinuierlich und konsequent erfolgen. Wir können uns nicht leisten, noch viel größere Katastrophen abzuwarten.
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