Zu diesen Sessel-Evolutionisten zählen sie beispielsweise Vertreter aus Mathematik oder Philosophie, die meinen, die Evolutionstheorie gerade durch ihr fachspezifisches Denken mit weiterem theoretischen Input bereichern zu können. Ganz besonders werden dieser Gruppe aber die vielen emeritierten Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bio-Fächern zugerechnet, die die Uni aus ihren Labors in den Ruhestand geschickt hat – und die nun „in Evolution machen“, weil das ja offenbar auch ohne Labor gut geht.
Doch warum stören sich die echten Evolutionsbiologen so sehr an solchen Lehnsessel-Denkern? Weil sie mit ihren klug klingenden „Kopfgeburten“ doch allzu häufig danebenliegen. Denn leider ist Evolution nicht so trivial, wie diese Leute oftmals meinen – mit der Folge, dass ihre Gedankenspiele wiederholt auf falsch verstandenen Aspekten der Evolution aufbauen. Entsprechend viele Missverständnisse und Falschheiten wabern letztlich aus deren Lehnsesseln hinaus ins Freie, wo die echten Evolutionsbiologen sie immer wieder mühevoll ausräumen müssen.
Ein solches Missverständnis ist etwa, dass durch den Ausleseprozess der natürlichen Selektion am Ende Organismen entstehen, die optimal an ihre Umwelt angepasst sind. Falsch! Selektion wirkt nur so lange, bis etwas hinreichend angepasst ist. Das mag wortklauberisch klingen, ist aber ein Riesenunterschied. Denn hätte die Evolution uns Menschen optimal anpassen wollen, wäre energietechnisch womöglich Photosynthese eine gute Idee gewesen. Aber offensichtlich kommen Tiere wie wir bis heute auch ohne grüne Haut hinreichend gut zurecht.
Genauso falsch ist daher, dass die Evolution aus einer Population immer die „Besten“ auswählt. Vielmehr wird umgekehrt ein Schuh daraus: Durch natürliche Selektion eliminiert die Evolution lediglich diejenigen Individuen, die nicht mehr hinreichend mit ihrer Umwelt zurechtkommen. Besteht jedoch kein Selektionsdruck – was nichts anderes heißt, als dass sämtliche Individuen einer Population die Herausforderungen ihres Lebensraums gut bewältigen –, müssen auch keinerlei Eigenschaften weiter verbessert oder gar völlig neu etabliert werden.
Zwar entstehen solche Verbesserungen und Neuerungen weiterhin durch zufällige Variationen in dem einen oder anderen Individuum. Allerdings setzen sie sich in der Gesamtpopulation nicht durch, weil die anderen, „unverbesserten“ Individuen die entsprechenden Anforderungen ja bereits hinreichend meistern. Diese bleiben daher von der natürlichen Selektion unbehelligt und verharren als stabile Mehrheit in der Population. Die neuen Varianten werden dadurch in den Folgegenerationen immer wieder aus der Population verdrängt, selbst wenn sie tatsächlich „besser“ angepasst sind.
Evolution strebt also nicht per se nach Verbesserung! Überhaupt: Was ist evolutionär gesehen besser oder schlechter? Ist der Mensch ein „besseres“ Ergebnis der Evolution als das Bakterium? So gesehen sind beide Lebensformen schließlich gleichwertige „Erfolgsstories“, die ihre jeweiligen Umweltanforderungen bis zum heutigen Tage stets hinreichend gemeistert haben. (Wobei Bakterien die ihrigen sogar schon deutlich länger meistern als wir Menschen.)





